Die Annäherung zwischen Türkiye und Deutschland seit 2022 lässt sich neben den diplomatischen Entscheidungen beider Länder auch durch veränderte Sicherheitsbedingungen im internationalen System erklären. Der Russland-Ukraine-Krieg, die Anfälligkeit der Energieversorgung und regionale Konflikte haben die strategischen Überlegungen Berlins und Ankaras verändert. Trotz politischer Differenzen ist es dadurch in bestimmten Bereichen vorteilhafter geworden, gemeinsam zu handeln. Zugleich sind die Kosten mangelnder Zusammenarbeit gestiegen.
Diese Annäherung zeigt, dass Zusammenarbeit keine Einigkeit in sämtlichen außenpolitischen Fragen voraussetzt. Türkiye und Deutschland können ihre unterschiedlichen Prioritäten beibehalten und sich zugleich dort enger abstimmen, wo gemeinsame Interessen hervortreten. Ob die durch Sicherheitsbedürfnisse angestoßene Annäherung dauerhaft trägt, hängt jedoch von verlässlichen Zusagen und funktionierenden institutionellen Mechanismen ab. Entscheidungen in der Verteidigungspolitik, der wiederaufgenommene strategische Dialog und regionale diplomatische Initiativen bilden unterschiedliche Dimensionen dieses Prozesses.
Sicherheit gewinnt international wieder an Gewicht
Russlands groß angelegter Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 erschütterte die Erwartung, Europas Sicherheit lasse sich mit den bestehenden Vorkehrungen gewährleisten. Die vom damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar verkündete „Zeitenwende“ rückte den Ausbau militärischer Fähigkeiten und die Solidarität unter Verbündeten in den Vordergrund. Sicherheit wurde damit auch zu einer zentralen Größe der deutschen Wirtschafts- und Energiepolitik.
Auch die im März 2022 von den Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union verabschiedete Erklärung von Versailles verknüpfte die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit mit dem Abbau von Energieabhängigkeiten und einer widerstandsfähigeren Wirtschaft. Dieser Ansatz verlangt, wirtschaftliche Beziehungen neben Kosten und Erträgen auch nach ihren strategischen Verwundbarkeiten zu beurteilen. Der Zugang zu Energie, die Versorgung mit wichtigen Produktionsmitteln und die Sicherheit von Handelswegen werden dadurch unmittelbar zu sicherheitspolitischen Fragen.
Diese Entwicklungen erhöhen zugleich die Bedeutung regionaler Akteure im internationalen System. Mit dem wachsenden Wettbewerb zwischen den Großmächten gewinnen diplomatische Zugänge, militärische Fähigkeiten und Einfluss auf Verkehrswege bei der Wahl von Partnern an Gewicht. Für europäische Länder gehört die Abstimmung mit Staaten, die regionale Krisen beeinflussen können, damit zu den wichtigsten Instrumenten im Umgang mit Sicherheitsrisiken.
Diese Veränderung spiegelte sich auch in den Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz im Oktober 2025 in Ankara wider. Merz erklärte, eine neue, von der Politik großer Mächte geprägte geopolitische Epoche habe begonnen. Deutschland und Europa müssten deshalb ihre strategischen Partnerschaften ausbauen. Eine vertiefte Partnerschaft mit Türkiye ordnete er in diesen Zusammenhang ein. Die Annäherung lässt sich somit auch als Versuch verstehen, sich an veränderte internationale Bedingungen anzupassen.
Unter solchen Bedingungen können Staaten in unterschiedlichen Politikfeldern unterschiedlich eng zusammenarbeiten. Abstimmung in Verteidigungsfragen und Meinungsverschiedenheiten bei regionalen Themen können gleichzeitig bestehen. Auch die Bewegung in den Beziehungen zwischen Türkiye und Deutschland muss deshalb im Zusammenspiel zweier Entwicklungen betrachtet werden: des wachsenden Nutzens gemeinsamen Handelns und fortbestehender politischer Differenzen.
Warum die strategische Bedeutung von Türkiye wächst
Ankaras strategische Bedeutung für Berlin ergibt sich neben seiner NATO-Mitgliedschaft aus seiner Lage zwischen dem Schwarzen Meer, dem Nahen Osten und Europa. Je stärker regionale Krisen wirtschaftlich und politisch auf Europa ausstrahlen, desto wichtiger werden Ankaras diplomatische Verbindungen und sicherheitspolitische Fähigkeiten. Der Bedarf an Zusammenarbeit mit Türkiye reicht deshalb über Migrationsmanagement und bilateralen Handel hinaus.
Konkrete Beispiele dafür liefert die Verteidigungspolitik. Die Bundesregierung erklärte im Oktober 2025, die Voranfrage zur Aufnahme von Verhandlungen über die Lieferung von Eurofightern an Türkiye sei positiv beschieden worden. Zugleich stellte sie die Flugzeuge in einen Zusammenhang mit der gemeinsamen Sicherheit der NATO. Damit wurde die Verbindung zwischen einer Stärkung der türkischen Verteidigungsfähigkeit und der Sicherheit des Bündnisses deutlich.
Auch die Verpflichtung der NATO-Mitglieder auf dem Haager Gipfel 2025, ihre verteidigungs- und sicherheitsbezogenen Ausgaben bis 2035 auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen, unterstützt diese Entwicklung. Mindestens 3,5 Prozent sollen dabei auf den militärischen Kernbereich entfallen. Die Erklärung betonte zudem den Ausbau der Zusammenarbeit in der Verteidigungsindustrie. Diese Ziele können günstige Bedingungen für neue Projekte zwischen Türkiye und Deutschland schaffen. Konkrete Vorhaben erfordern allerdings jeweils politische und wirtschaftliche Einigung.
Gemeinsame Sicherheitsbedürfnisse bedeuten dabei keine vollständige Übereinstimmung in der Bewertung von Bedrohungen. Ankara und Berlin können unterschiedlichen Folgen derselben Krise Vorrang geben und verschiedene diplomatische Mittel bevorzugen. Eine Annäherung in der Verteidigungspolitik belegt deshalb noch keine umfassende strategische Übereinstimmung. Den Umfang der Zusammenarbeit bestimmen sowohl die Stärke gemeinsamer Interessen als auch fortbestehende Differenzen.
Wirtschaftliche Interessen unterstützen die Annäherung ebenfalls. Verteidigungsprojekte betreffen Produktionskapazitäten, Technologie und Beschäftigung; sichere Verkehrswege gewährleisten eine kontinuierliche Versorgung. Sicherheitsbedenken erhöhen damit den strategischen Wert wirtschaftlicher Verflechtungen und schaffen Anreize, bestehende diplomatische Kanäle intensiver zu nutzen. Um die Annäherung zu erklären, muss deshalb auch das Zusammenspiel militärischer Bedürfnisse und wirtschaftlicher Interessen betrachtet werden.
Flexible Diplomatie beim E4-R4-Treffen in Istanbul
Das von Türkiye und Deutschland am 23. Oktober in Istanbul initiierte E4-R4-Treffen zeigte, wie sich diese Annäherung in der multilateralen Diplomatie niederschlägt. Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien berieten mit Türkiye, Ägypten, Pakistan und Saudi-Arabien über die Sicherheit von Seewegen und regionale Konflikte. Das Auswärtige Amt verwies dabei auf die Notwendigkeit, über bestehende Formate hinaus gemeinsam zu handeln.
Die Initiative zeigt, dass Länder mit unterschiedlichen politischen Prioritäten ihre Positionen zu bestimmten Problemen koordinieren können. Sicherheitsrisiken in der Straße von Hormus, am Bab al-Mandab und im Schwarzen Meer verbinden die Interessen Europas und der regionalen Staaten über den Transport von Energie, Düngemitteln und Lebensmitteln. Unterbrechungen des Seeverkehrs übertragen die Folgen regionaler Konflikte auf Lieferketten, Produktionskosten und Verbraucherpreise.
Solche Treffen ermöglichen es, unterschiedliche diplomatische Verbindungen zur Bearbeitung eines konkreten Problems zusammenzuführen. Dafür müssen die Teilnehmer nicht in sämtlichen regionalen Fragen eine gemeinsame Position vertreten. Auch die Initiative von Türkiye und Deutschland verweist auf Bereiche, in denen sich die diplomatischen Zugänge beider Länder ergänzen können. Die bilaterale Annäherung kann dadurch die Abstimmung zwischen europäischen und regionalen Staaten erleichtern.
Die von den R4 veröffentlichte gemeinsame Erklärung ist allerdings keine Erklärung aller acht Länder. Sie enthält Unterstützung für Palästina, Kritik an der israelischen Besatzung und eine Verurteilung der Angriffe der Huthis. Diese Unterscheidung verdeutlicht, dass die Koordination bei der maritimen Sicherheit keine Einigung über die gesamte Regionalpolitik bedeutet. Auch der Handlungsspielraum des E4-R4-Formats ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen gemeinsamen Interessen und fortbestehenden politischen Differenzen.
Wie wirksam solche Formate werden, hängt von der Kontinuität der Treffen und davon ab, ob vereinbarte Ziele in umsetzbare Schritte münden. Wenn diplomatische Kontakte wirtschaftliche und humanitäre Risiken verringern, steigt der Wert der Zusammenarbeit – und damit der Anreiz, sie fortzusetzen. Die langfristige Bedeutung des Istanbuler Treffens wird sich deshalb daran messen lassen, wie dauerhaft die begonnene Abstimmung trägt.
Dauerhafte Annäherung braucht institutionelle Kontinuität
Die Wiederaufnahme des Strategischen Dialogmechanismus zwischen Türkiye und Deutschland im Mai 2026 nach zwölfjähriger Unterbrechung hat einen institutionellen Kanal für regelmäßige diplomatische Abstimmung reaktiviert. Gegenstand der Gespräche waren die bilateralen Beziehungen, das Verhältnis zwischen Türkiye und der EU, Sicherheit und Verteidigung sowie regionale Fragen. Damit entstand eine Grundlage, die Annäherung über Kontakte zwischen den politischen Spitzen hinaus voranzutreiben.
Dass ein Mechanismus erneut zusammentritt, belegt für sich genommen jedoch noch keine dauerhafte Zusammenarbeit. Institutionelle Kontinuität erfordert regelmäßig arbeitende Arbeitsgruppen, die Umsetzung von Zusagen und einen Umgang mit Differenzen, der gemeinsame Vorhaben nicht vollständig unterbricht. Auch Wadephuls Ankündigung, das nächste E4-R4-Treffen in Deutschland auszurichten, verweist auf das Bestreben nach Kontinuität. Welche konkreten Ergebnisse daraus entstehen, wird sich an den folgenden Kontakten und ihrer Umsetzung zeigen.
Politische Differenzen, die wirtschaftliche Dimension von Verteidigungsprojekten und unterschiedliche Positionen innerhalb Europas können den Umfang der Zusammenarbeit beeinflussen. Bei der Bewertung positiver Entwicklungen müssen deshalb angekündigte Ziele und tatsächlich umgesetzte Entscheidungen auseinandergehalten werden. Die Belastbarkeit der Annäherung bemisst sich daran, ob beide Seiten auch bei Meinungsverschiedenheiten ihre Abstimmung fortsetzen und gegenseitige Zusagen einhalten können.
Der Wandel des internationalen Systems erhöht für Türkiye und Deutschland den Bedarf, in bestimmten Bereichen zusammenzuarbeiten. Daraus entsteht eine Grundlage, auf der Sicherheit und gegenseitiger Nutzen stärker im Vordergrund stehen als bei der früheren, auf die EU-Mitgliedschaft ausgerichteten Annäherung. Ob diese Grundlage trägt, hängt neben dem Druck gemeinsamer Probleme von verlässlichen Zusagen und einer regelmäßigen institutionellen Zusammenarbeit ab. Die gegenwärtige Annäherung eröffnet dafür Möglichkeiten. Ihre langfristige Belastbarkeit muss sich jedoch erst erweisen.




























