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Die neue Welt(un)ordnung
Der Iran-Krieg ist ein Katalysator für eine fragilere, unberechenbarere Weltordnung. Eine Analyse über Verlierer, Gewinner und die Last einer neuen Unordnung.
Die neue Welt(un)ordnung
23.04.2026: US-Präsident Donald Trump. / Foto: Mark Schiefelbein/AP/dpa

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran hat die Welt erschüttert. Allerdings nicht so, wie Washington und Tel Aviv es sich vorgestellt hatten. Was als schneller, entscheidender Schlag gegen den Iran geplant war, ist zu einem zähen Konflikt ausgeartet, der den gesamten Nahen und Mittleren Osten, aber auch den Rest der Welt in ein Pulverfass verwandelt hat. Dass es bislang nicht zu einem Flächenbrand und einer humanitären oder nuklearen Katastrophe gekommen ist, verdankt sich maßgeblich dem umsichtigen Einschreiten und der klugen Diplomatie von Türkiye, Pakistan, Ägypten und Saudi-Arabien. Ziel der Republik Türkiye ist es, das „Feuer in der Region zu löschen“ und „einen dauerhaften Frieden zu erreichen“, wie der türkische Außenminister Hakan Fidan erklärte.

Jahrzehntelang auf diesen Krieg vorbereitet

Es scheint so, als ob sich die Islamische Republik über Jahrzehnte auf eine Auseinandersetzung mit den USA und Israel vorbereitet hatte. Schon beim Zwölf-Tage-Krieg letzten Sommer zeigte sich ihre Strategie: Sie hielt sich bewusst zurück, spielte ihre Trümpfe nicht alle aus und gab nur einen Bruchteil ihrer Möglichkeiten preis. Dass das Land heute als überraschend stark und motiviert dasteht, ist auch dieser strategischen Zurückhaltung geschuldet. Obwohl die iranische Führung schwer angeschlagen ist – zahlreiche hochrangige Kommandeure und Eliten des Staatsapparats wurden getötet –, steht das Land zwei Monate nach Kriegsbeginn nicht als besiegte, sondern als überraschend handlungsfähige Macht da, die sogar den amerikanischen Präsidenten an der Nase herumführt.

Die sogenannte „Mosaikstrategie“ der Revolutionsgarden – eine dezentrale, netzwerkartige Führungsstruktur – hat sich bewährt. Der Verlust einzelner Kader konnte die Moral des Landes und seiner Verteidigungskräfte wenig erschüttern. Für jeden, der ausfällt, ist längst ein Ersatz da. Und der brüchige Waffenstillstand? Er könnte jederzeit kollabieren. Dann zeigt sich, ob die Mosaikstrategie auch einer zweiten Kriegswelle standhält. US-Präsident Donald Trump könnte sie allerdings als letzte Chance betrachten, gesichtswahrend aus diesem Desaster zu entkommen.

Gefangen in der eigenen Sackgasse

Die USA selbst stecken in einer Sackgasse. Präsident Trump, der einst versprach, keine neuen Kriege zu beginnen, steht außen- wie innenpolitisch massiv unter Druck. Die Folgen seines Krieges – den er offensichtlich auf Drängen des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu begann – sind zu Hause angekommen: gefallene Soldaten, explodierende Energiepreise, eine sich aufheizende Inflation.

Hinzu kommen der „Glaubenskrieg“ mit dem Papst, die Veröffentlichung der Epstein-Akten, das harte Vorgehen von Grenzschutz- und Migrationsbehörden gegen friedliche Demonstranten sowie Provokationen gegen Grönland, Kanada, Venezuela, Kolumbien, Kuba und Mexiko. Die täglichen Drohungen, schizophrenen Verlautbarungen und an Tics erinnernden Schimpftiraden ähneln eher einem unzurechnungsfähigen Psychopathen als einem verantwortungsvollen Staatslenker.

Eine Umfrage der University of Massachusetts Amherst zeigt einen neuen Tiefpunkt der Zustimmung für Trump in den USA: Nur noch 33 Prozent der US-Amerikaner sind mit Trumps Amtsführung zufrieden, 62 Prozent unzufrieden, 56 Prozent lehnen seinen Regierungsstil sogar „stark ab“ – und das ausgerechnet vor den wichtigen Midterm-Wahlen im November, bei denen er seine Mehrheit im Kongress zu verlieren droht. Mit der Eskalation des Krieges hat sich Trump wohl selbst „ins eigene Fleisch geschnitten“.

Fundament der US-israelischen Allianz bröckelt

Doch nicht nur der US-Präsident gerät unter Druck. Auch das jahrzehntealte Fundament der amerikanisch-israelischen Beziehungen bröckelt. Benno Schwinghammer beschreibt in einer Analyse für den Kölner Stadt-Anzeiger eine „Zangenbewegung“: Von den amerikanischen Linken kommt seit Jahren Kritik an Besatzung und Siedlungsbau – von rechts nun der isolationistische Reflex, Amerika habe sich von Israel in einen Krieg hineinziehen lassen. Eine Gallup-Umfrage zeigt laut Schwinghammer, dass 41 Prozent der Amerikaner eher mit den Palästinensern sympathisieren, nur noch 36 Prozent mit den Israelis. Vor allem bei Jüngeren verliert Israel dramatisch an Rückhalt.

Während sich Washington im Nahen Osten verheddert, reibt sich Peking die Hände. Eine alte Regel der Geopolitik besagt, so Henriette Levin vom Center for Strategic and International Studies: Richtet Washington seine Aufmerksamkeit auf den Nahen Osten, ist das gut für China. Das Pentagon muss ganze Waffensysteme aus dem Indo-Pazifik abziehen. Experten sind sich einig: Trump hat sich selbst überschätzt und China unterschätzt. Taiwans Leid ist Chinas Freude – die Sorge wächst, die USA seien für längere Zeit außerstande, sich Ostasien zuzuwenden.

Wo steht Deutschland?

Berlin wollte sich aus dem Krieg heraushalten. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte klar: „Das ist nicht unser Krieg.“ Auch Kanzler Friedrich Merz (CDU) stimmte zu. Doch die Rechnung kommt trotzdem. Und sie ist hoch. Die Bundesregierung hat ihre Wachstumsprognose für 2026 von 1,0 auf 0,5 Prozent halbiert. Die Koalition reagierte auf die Energiekrise mit einem temporären Tankrabatt, was allenfalls als ein Tropfen auf den heißen Stein gesehen werden kann.

Gleichzeitig bröckelt das transatlantische Fundament, sehr zur Sorge Deutschlands und Europas. Präsident Trump droht offen mit dem Austritt aus der NATO, bezeichnet das Bündnis als „Papiertiger“. Interne EU-Protokolle, über die der „Spiegel“ berichtete, zeigen tiefe Risse: Irland und Malta haben „die deutlichsten Zweifel“ an einer europäischen Beistandsklausel. Ein deutscher Diplomat notierte resigniert: Die EU sei „noch nicht in der geopolitischen Realität angekommen“. Immerhin sorgt sich Deutschland verstärkt um seine Verteidigungsfähigkeit: Boris Pistorius will die Bundeswehr zur „konventionell stärksten Armee Europas“ machen, mit mindestens 260.000 aktiven Soldaten. Der Minister hat erstmals in der Geschichte der Bundeswehr eine Verteidigungsstrategie veröffentlicht.

Türkiye: Geachtet, umworben, angefeindet – und doch unverzichtbar

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan lud kürzlich zum Antalya Diplomatie-Forum (ADF) ein, eine türkische Version der Münchner Sicherheitskonferenz. 6.400 Teilnehmer aus 150 Ländern, 23 Staats- und Regierungschefs, 50 Minister. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sprach dort ebenso wie sein ukrainischer Kollege. Der Tenor: Erdoğan kann mit allen reden – das ist seine Stärke. Dass die Bundesregierung fehlte, halten Beobachter für eine verpasste Chance.

Doch genau in diese volatile Lage platzte ein diplomatischer Eklat. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte bei einer „Zeit“-Veranstaltung in Hamburg: „Es muss uns gelingen, den europäischen Kontinent zu vervollständigen, damit er nicht russisch, türkisch oder chinesisch beeinflusst wird“. Sie stellte Türkiye damit auf eine Stufe mit Russland und China – als potenzielle Bedrohung. Die EU ruderte sofort zurück, die Worte seien „aus dem Zusammenhang gerissen“ worden. Der Schaden war dennoch angerichtet.

War von der Leyens Aussage wirklich nur eine sprachliche Panne oder der Ausdruck einer tiefer sitzenden Geisteshaltung? Vielleicht offenbarte sich darin aber auch nur ein altes Dilemma europäischer Politik: Türkiye wird gebraucht, bei Migration, Energie und Sicherheit – doch die strategische Anerkennung als gleichwertiger Partner auf Augenhöhe fällt bisweilen schwer. Dies könnte darauf hindeuten, dass manche Denkmuster aus der Zeit der alten Nachkriegsordnung noch nicht überwunden sind. Die türkische Erfolgsgeschichte der letzten zwei Jahrzehnte sollte in Brüssel stärker zur Kenntnis genommen werden. Ein Perspektivwechsel im Beraterstab wäre für den einen oder anderen Akteur sicherlich bereichernd.

Die diplomatischen Verstimmungen mit Brüssel sind das eine. Abgesehen davon kommt eine wesentlich gefährlichere Entwicklung noch hinzu: In israelischen und zionistischen Think-Tanks wird offen über einen Präventivschlag gegen Türkiye nachgedacht. Michael Rubin vom American Enterprise Institute verglich beispielsweise Präsident Erdoğan mit Ägyptens Gamal Abdel Nasser und forderte eine israelische Militäroperation gegen türkische F-16-Stützpunkte. Ein anderer Analyst, dem Verbindungen zu israelischen Diensten nachgesagt werden, Shay Gal, drohte unverblümt: „Iran war nur eine Probe. Die Türkiye-Akte ist bereits geöffnet.“ Außenminister Hakan Fidan hat diese Warnung aufgegriffen. Seine Schlussfolgerung: Israel braucht nach dem Iran-Krieg einen neuen Feind. Und Türkiye ist oben auf der Liste.

Die neue Welt(un)ordnung

Kein Zweifel: Die alte Ordnung ist Geschichte. Die USA haben sich mit diesem Krieg nicht nur militärisch verzettelt, sondern auch strategisch isoliert. China und Russland gewinnen an Einfluss. Europa ringt mit sich selbst, unsicher, ob es auf die USA noch zählen kann und uneins darüber, wie sehr es auf eigene Beine stehen will. Deutschland, das sich klug aus der militärischen Eskalation heraushielt, zahlt die Zeche dennoch: wirtschaftlich durch höhere Energiepreise und sinkendes Wachstum, außenpolitisch durch eine weiter bröckelnde transatlantische Partnerschaft und innenpolitisch mit miesen Umfrage- und Zufriedenheitswerten in der Wahlbevölkerung, selbst im eigenen Lager.

Türkiye hingegen beweist einmal mehr, dass es eine eigenständige Mittelmacht ist, die mit allen spricht und sich von keiner Seite vereinnahmen lässt. Dass dann auch noch eine EU-Kommissionspräsidentin Türkiye öffentlich ins politische Abseits stellt, zeugt eher von mangelnder strategischer Weitsicht als von kluger Staatskunst.

Der Iran-Krieg ist ein Wendepunkt, ein Katalysator einer neuen Welt(un)ordnung. Er hat die tektonischen Verschiebungen der Nachkriegsordnung beschleunigt, vielleicht sogar unwiderruflich gemacht. Und die Menschen – ob in Teheran, Tel Aviv, Berlin, Ankara oder Washington – werden die Last dieser neuen Welt(un)ordnung noch lange zu tragen haben. Das ist sicher.