Bei einer Umfrage des staatlich russischen Meinungsinstituts WZIOM, das sonst eher für regierungsfreundliche Ergebnisse bekannt ist, betrug die Unterstützung von Wladimir Putins Partei Mitte April unter den Russen nur 27,3 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit der Ukraine-Invasion 2022. Selbst Putins persönliches Rating, das immer noch mehr als doppelt so hoch ist wie das seiner Partei, befindet sich laut WZIOM auf einem Tiefstand seit dem Kriegsausbruch. Gleiches gilt für seine Regierungsmannschaft.
Internetkampagne als Auslöser wachsender Unzufriedenheit
Die Ursache ist eine von der Regierung gesteuerte Kampagne im Internet, die aktuell ihren Höhepunkt erreicht und unter vielen Russen äußerst unbeliebt ist: Es geht um eine regelrechte Säuberung des von Russland aus erreichbaren Netzes, die Sperrung sozialer Medien und das Verunmöglichen der Umgehung von Netzsperren. Während als aktive Akteure öffentlich vor allem das Digitalministerium und die Regulierungsbehörde Roskomnadzor auftreten, ist den Menschen klar, dass die Kampagne aus dem Kreml gesteuert wird.
Sie begann 2022 mit der Sperre oppositioneller Nachrichtenquellen aus dem Ausland sowie in Russland wenig verbreiteter westlicher Netzwerke wie Facebook. Der Kampf weitete sich dann auf Plattformen mit größerer Reichweite wie YouTube aus. Doch erst 2026 griff die Kampagne für sehr viele Russen in den Kern dessen ein, was sie täglich nutzen, und verwandelte sich in einen regelrechten Feldzug. Nun war der in vielen Bevölkerungsteilen äußerst beliebte Messenger Telegram an der Reihe, der im Januar mit mehr als 95 Millionen aktiven Nutzern in Russland die Nummer eins der sozialen Netzwerke war. Telegram ist inzwischen praktisch vollständig im RuNET gesperrt, obwohl es auch von zahlreichen Kanälen aus dem Umfeld der Regierung und sogar von russischen Fronttruppen im Ukrainekrieg genutzt wurde. Der Messenger mit seinen Newskanälen ist jedoch nicht mehr in Russland beheimatet und wird nicht vollständig von der Regierung kontrolliert – inzwischen eine zentrale Voraussetzung für eine „Betriebsgenehmigung“ durch die Behörden.
Angriff auf VPNs und Folgen für Wirtschaft und Alltag
Noch wichtiger ist, dass die russische Führung derzeit auch die wichtigste Umgehungsmöglichkeit solcher Netzsperren – das VPN (Virtual Private Network) – so weit wie möglich unterbinden will. Mit VPN-Diensten kann man der Zensursoftware einen Standort im Ausland vortäuschen und so weiterhin auf gesperrte Inhalte zugreifen. Wegen der zahlreichen Sperrungen im RuNET, die bis hin zu internationalen Spieleplattformen reichen, nutzten 2025 42 Prozent der Bevölkerung VPN-Dienste. Unter jüngeren Russen gehört das Umgehen von Netzsperren inzwischen nahezu zur Grundkompetenz.
Über 400 VPN-Anbieter wurden im Land bereits verboten, die Online-Aufladung von Apple-Konten – ein häufiger Zahlungsweg für solche Dienste – ebenfalls. Russische Netzanbieter wurden vom Digitalministerium dazu gedrängt, ihre Angebote für aktive VPN-Nutzer zu sperren; bei der Nutzung von VPN geben Mobilfunkanbieter inzwischen Warnmeldungen aus. Hostinganbieter sollen künftig keine Rechenleistung mehr für VPN-Dienste bereitstellen. Zusätzlich sind hohe Gebühren für die VPN-Nutzung im Mobilfunk geplant, deren technische Umsetzung jedoch schwierig ist. Diese Maßnahmen treffen auch die Wirtschaft: Die Arbeit vieler russischer IT-Unternehmen ist laut Berichten weitgehend lahmgelegt, und auch zeitweise Ausfälle von Online-Bezahldiensten werden auf den Anti-VPN-Kampf zurückgeführt. Hinzu kommen regelmäßige regionale Abschaltungen von Mobilfunknetzen, um die Kommunikation ukrainischer Drohnen zu stören.
Risse im System und wachsende Entfremdung
In den 2010er-Jahren galt das RuNET als modern und gut ausgebaut. Zahlreiche Online-Dienste – von Taxis über Lieferdienste bis hin zu Bezahlsystemen – waren früher als in Mitteleuropa professionell organisiert. Die Netzabdeckung reichte bis in die Provinz, Datentarife waren günstig und leicht zugänglich. Eine zentrale Figur blieb von dieser Entwicklung jedoch weitgehend unberührt: Wladimir Putin selbst. Berichten zufolge meidet er das Internet und besitzt nicht einmal ein Smartphone. Für ihn ist das Netz vor allem eine Quelle potenzieller Gefahren.
Daher überrascht es kaum, dass er seinen Digital- und Sicherheitsbehörden im Kampf gegen Online-Freiheiten weitgehend freie Hand lässt – selbst wenn seine eigene Popularität darunter leidet. Die bereits seit Kriegsbeginn ausgeweitete Zensur entwickelt sich zunehmend zu einer „Hexenjagd“ auf Nutzer, die versuchen, die Kontrollen zu umgehen, wie es die britische Zeitung The Guardian formuliert.
Innerhalb der russischen Elite ist die Unterstützung für diese Politik jedoch keineswegs einhellig. Der Kremlanalyst Andrey Perzew spricht von einem „seltenen öffentlichen Streit unter Russlands Eliten“ (10), nachdem sich selbst regimetreue Akteure gegen die Telegram-Sperren ausgesprochen haben. Auch laut der Politologin Tatyana Stanovaya wächst die Sorge, dass die zunehmenden Eingriffe in den Alltag der Bevölkerung massive Unzufriedenheit auslösen. Nicht nur die Gesellschaft, sondern auch Teile der Regierung fühlten sich zunehmend durch die Ausweitung staatlicher Kontrolle bedroht.
Die Folge dieses Kurses sei ein „Zusammenbruch des Vertrauten“ für viele Menschen. Dies stellt ein potenzielles Risiko für das System dar, das lange auf Stabilität und Kontinuität setzte. Zwar wäre es überzogen, kurzfristig einen Zusammenbruch des Machtgefüges zu erwarten, doch eine wachsende Entfremdung zwischen Kreml und Bevölkerung könnte – insbesondere bei wirtschaftlichen Krisen – zu einem entscheidenden Faktor für die Stabilität des Systems werden.






















