Nach rassistischen Kommentaren während der Fußball-Weltmeisterschaft ist die Tübinger Kriminologin Thaya Vester überrascht über die Bandbreite der Entgleisungen. Die Häufung sei auch ein „Gradmesser dafür, dass es gerade überall brodelt“, sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Mittwoch. Rassismus sei bei der XXL-WM in den USA, Kanada und Mexiko die dominierende Diskriminierungsform. Er geschehe nicht mehr direkt auf dem Spielfeld, sondern komme beispielsweise auch von Politikern.
Zuletzt stand der frühere spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy wegen rassistischer Äußerungen über das französische Nationalteam in der Kritik. Der französische Spieler Kylian Mbappé war zuvor von einer paraguayischen Senatorin öffentlich rassistisch angefeindet worden. Auch der deutsche Nationalspieler Jonathan Tah erhielt rassistische Hasskommentare im Internet, nachdem er im Spiel gegen Paraguay einen Elfmeter verschossen hatte.
Rassistische Einstellungen müssen vorhanden sein
Rassistische Beleidigungen im Fußball machten ohnehin vorhandene Einstellungen nur sichtbar. „Die rassistischen Muster müssen schon vorher vorhanden sein, damit sie in einem Moment der Enttäuschung oder Wut abgerufen werden können“, sagte Vester, die den Deutschen Fußball-Bund (DFB) zum Umgang mit Rassismus und Diskriminierung berät. Fußball wirke wegen seiner starken Emotionalisierung wie ein Katalysator.
Als zusätzliche Verstärker wirkten soziale Netzwerke. Entsprechende Äußerungen könnten heute ohne kommunikative Filter öffentlich verbreitet werden. Zugleich erreichten sie schnell Menschen, die sich darüber empörten, aber auch solche, die ihnen zustimmten und sie weiterverbreiteten.
Medien sollten rassistische Beleidigungen nach Vesters Ansicht weder unkommentiert stehen lassen, noch unkritisch reproduzieren. Zugleich bestehe bei zu abstrakten Umschreibungen die Gefahr, dass die Schwere eines Vorfalls verharmlost werde.
Fußball ist Projektionsfläche für Konflikte
Fußball sei über den Sport hinaus auch Projektionsfläche gesellschaftlicher Konflikte. Deshalb könnten sich Verbände wie der DFB, die UEFA und die FIFA der Verantwortung nicht entziehen. „Man doktert zu viel an den Symptomen herum“, sagte Vester. „Stattdessen muss man mehr in die Primärprävention investieren und bei der Frage ansetzen, warum Menschen andere abwerten.“
Da die Verbände Werte wie Respekt, Vielfalt und Antidiskriminierung in ihren Satzungen und Leitbildern verankert hätten, müssten sie auch ausreichende Ressourcen bereitstellen, um gegen menschenverachtende Verhaltensweisen vorzugehen.























