Dass Präsident Recep Tayyip Erdoğan den österreichischen Bundeskanzler Christian Stocker zu dessen erstem Türkiye-Besuch in dieser Funktion in Ankara empfing, besitzt deshalb eine Bedeutung, die über diplomatische Symbolik hinausgeht. Die Botschaften der gemeinsamen Pressekonferenz waren bemerkenswert eindeutig: Die Beziehungen haben eine positive Dynamik entwickelt, die nun verstetigt und auf weitere Bereiche übertragen werden soll.
Das ist auch notwendig. Europa und seine Nachbarschaft erleben eine Phase außergewöhnlicher Instabilität. Der Krieg in der Ukraine, die Konflikte im Nahen Osten, die Zukunft Syriens, Migration, Energie- und Versorgungssicherheit sowie die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Europas stellen Staaten vor Herausforderungen, die sich kaum im Alleingang bewältigen lassen. Österreich und Türkiye sollten deshalb weniger darüber sprechen, was sie in der Vergangenheit getrennt hat, und stärker darüber, was sie heute gemeinsam erreichen können.
Die schwierigen Jahre sollten der Vergangenheit angehören
Die Beziehungen zwischen Wien und Ankara waren über Jahre von politischen Spannungen begleitet. Besonders die Debatten über die EU-Perspektive von Türkiye und gegenseitige politische Kritik belasteten das Verhältnis.
Gerade vor diesem Hintergrund besitzt der heutige Dialog besondere Bedeutung. Erdoğan sprach ausdrücklich von der „positiven Dynamik“, die zuletzt in den Beziehungen erreicht worden sei. Stocker wiederum bezeichnete Türkiye als ein wichtiges Schlüsselland und würdigte Ankaras diplomatische Rolle sowohl im Ukraine-Krieg als auch im Nahen Osten.
Darin zeigt sich ein politischer Realismus, den beide Länder brauchen. Gute Beziehungen bedeuten nicht, dass Wien und Ankara in jeder Frage dieselbe Position vertreten müssen. Eine belastbare Partnerschaft zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass unterschiedliche Auffassungen den Dialog und die Zusammenarbeit nicht verhindern.
Fünf Milliarden Dollar – und Potenzial für deutlich mehr
Besonders greifbar ist die neue Dynamik in den Wirtschaftsbeziehungen. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2025 rund 4,5 Milliarden US-Dollar. Für dieses Jahr wurde die Marke von fünf Milliarden Dollar als Ziel formuliert.
Mehr als 1.000 österreichische Unternehmen sind in Türkiye aktiv. Die österreichischen Direktinvestitionen haben dort inzwischen elf Milliarden Dollar überschritten, während sich die türkischen Investitionen in Österreich der Milliardenmarke nähern. Das zeigt, dass die wirtschaftlichen Beziehungen längst über einen klassischen Warenhandel hinausgehen.
Umso wichtiger ist Erdoğans Vorschlag, die bestehenden institutionellen Strukturen weiterzuentwickeln und anstelle der bisherigen Gemischten Wirtschaftskommission einen gemeinsamen Wirtschafts- und Handelsausschuss zu etablieren. Wenn dessen erste Sitzung noch vor Jahresende stattfinden kann, würde aus der gegenwärtigen politischen Annäherung ein konkreter institutioneller Prozess entstehen.
Die nächste Phase sollte dabei über bestehende Handelsbeziehungen hinausgehen. Grüne Energie, kritische Rohstoffe, Hochtechnologie, Verkehr und Verteidigungsindustrie bieten erhebliches Potenzial. Auch die Zusammenarbeit bei Eisenbahnverbindungen und dem Mittleren Korridor könnte Österreich und Türkiye stärker in neue Handels- und Logistiknetzwerke zwischen Europa und Asien einbinden.
Wien und Ankara brauchen einander in einer instabilen Region
Die Bedeutung der Annäherung lässt sich jedoch nicht allein in Handelszahlen messen. Türkiye liegt an einer geopolitischen Schnittstelle, an der viele der gegenwärtigen europäischen Herausforderungen unmittelbar zusammenlaufen.
Syrien ist dafür ein wichtiges Beispiel. Erdoğan machte deutlich, dass Ankara eine österreichische Beteiligung am Wiederaufbau Syriens begrüßen würde. Ein stabileres Syrien liegt letztlich nicht nur im Interesse von Türkiye. Es liegt auch im Interesse Österreichs und Europas – politisch, wirtschaftlich und nicht zuletzt mit Blick auf zukünftige Migrationsbewegungen.
Ähnliches gilt für den Nahen Osten. Dass beide Seiten die Bedeutung von Diplomatie hervorheben und die ununterbrochene Versorgung Gazas mit humanitärer Hilfe als wichtig ansehen, schafft einen weiteren Ansatzpunkt für Zusammenarbeit.
Hinzu kommen die Balkanstaaten. Sowohl Türkiye als auch Österreich verfügen dort über historische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verbindungen. Die von beiden Seiten betonte Stabilität des Balkans ist daher ein gemeinsames strategisches Interesse.
Auch die EU sollte die neue Dynamik nutzen
Eine Verbesserung der österreichisch-türkischen Beziehungen kann zudem positive Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Türkiye und der Europäischen Union haben.
Erdoğan hat gegenüber Stocker insbesondere zwei seit Langem diskutierte Themen angesprochen: die Modernisierung der Zollunion und den Dialog über die Visaliberalisierung. Beide Fragen sollten nicht ausschließlich durch die politischen Kontroversen vergangener Jahre betrachtet werden.
Eine modernisierte Zollunion könnte angesichts veränderter globaler Lieferketten und eines verschärften internationalen Wettbewerbs sowohl der europäischen als auch der türkischen Wirtschaft neue Möglichkeiten eröffnen. Fortschritte bei der Visafrage könnten gleichzeitig den Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft erleichtern.
Österreich soll dabei nicht jede Position Ankaras übernehmen. Es kann aber dazu beitragen, dass die Beziehungen zwischen Türkiye und der EU wieder stärker von konkreten Interessen, Dialog und gegenseitigem Nutzen geprägt werden. Die derzeitige Annäherung zwischen Wien und Ankara zeigt, dass dies möglich ist.
Die türkische Community ist Teil dieser Partnerschaft
Dabei darf ein Faktor nicht vergessen werden: die Menschen türkischer Herkunft in Österreich. Seit den 1960er-Jahren haben mehrere Generationen einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes geleistet.
Heute sind Menschen mit türkischen Wurzeln Unternehmer, Arbeitnehmer, Ärzte, Wissenschaftler, Kulturschaffende, Studierende und Sportler. Sie schaffen Arbeitsplätze, bauen Unternehmen auf und tragen gleichzeitig zur kulturellen Vielfalt Österreichs bei.
Diese Community sollte deshalb nicht ausschließlich durch die Perspektive von Migration und Integration betrachtet werden. Sie ist eine der stärksten menschlichen Verbindungen zwischen Österreich und Türkiye.
Wenn sich die politischen Beziehungen verbessern, profitieren auch diese gesellschaftlichen Verbindungen. Und umgekehrt können Menschen, die beide Länder, Sprachen und Kulturen kennen, eine wichtige Rolle beim Aufbau neuer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Kooperationen spielen.
Aus positiver Dynamik muss eine dauerhafte Partnerschaft werden
Der Besuch Stockers zeigt schließlich, wie stark sich der Ton zwischen Ankara und Wien verändert hat. Noch vor einigen Jahren waren die Beziehungen häufig von Konfrontation geprägt. Heute stehen Handel, Investitionen, Sicherheit, Migration, Diplomatie, Verkehr, Energie und regionale Stabilität im Mittelpunkt.
Das ist eine Entwicklung, die beide Länder nutzen sollten.
Österreich liegt im Zentrum Europas, Türkiye an dessen strategischer Südostflanke und an der Schnittstelle zum Schwarzen Meer, zum Kaukasus und zum Nahen Osten.
Gerade deshalb sollte die positive Dynamik nicht auf einzelne Besuche beschränkt bleiben. Regelmäßige politische Kontakte, neue Wirtschaftsmechanismen, eine intensivere gesellschaftliche Zusammenarbeit und ein konstruktiverer Dialog zwischen Türkiye und der EU können daraus eine langfristige Partnerschaft machen.
Die Vergangenheit zwischen Wien und Ankara war nicht immer einfach. Doch angesichts der Herausforderungen der Gegenwart wäre es ein Fehler, die Zukunft von ihr bestimmen zu lassen. Stockers Besuch in Ankara ist ein gutes Signal dafür, dass beide Seiten dies zunehmend erkannt haben.























