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19. Todestag von Michèle Kiesewetter: Ein NSU-Mord mit vielen Rätseln
Michèle Kiesewetter ist das letzte Mordopfer des rechtsextremen NSU-Netzwerks. Die 22-jährige Polizistin aus Heilbronn wurde 2007 mit einem gezielten Kopfschuss getötet. Bis heute ist das Tatmotiv ein Rätsel.
19. Todestag von Michèle Kiesewetter: Ein NSU-Mord mit vielen Rätseln
19. Todestag von Michèle Kiesewetter – Ein NSU-Mord mit vielen Rätseln / Foto: DPA / DPA

Auch nach 19 Jahren ist der Fall um die Polizistin Michèle Kiesewetter, das zehnte und letzte Opfer der rechtsextremen Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU), nicht ganz geklärt. Die Polizeivollzugsbeamtin war am 25. April 2007 mit einem gezielten Kopfschuss auf der Heilbronner Theresienwiese getötet worden. 

Ihr Kollege Martin A. wurde ebenfalls durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt. Er lag mehrere Wochen im Koma und überlebte. Ein Teil des Projektils befindet sich noch heute in seinem Kopf. An die Tat kann Martin A. sich nur bruchstückhaft erinnern.

Der Mord an der 22-jährigen Polizistin bleibt bis heute ein Rätsel. Eine Tatortrekonstruktion ergab: Zwei Täter hatten sich von hinten dem Streifenwagen genähert und den Beamten jeweils in den Kopf geschossen. Die Hülsen und Projektilteile konnten später zwei Tatwaffen zugeordnet werden – einer Tokarew TT-33 und einer Radom VIS 35. Die Täter entwendeten nach der Tat die Dienstwaffen vom Typ HK P2000 und die Handschellen. Viereinhalb Jahre lang verfolgten die Ermittler 4600 Spuren und gingen über tausend Hinweisen nach – ohne Erfolg.

In den Jahren zwischen 2000 und 2006 hatten Neonazis des NSU-Netzwerks aus rechtsextremistischen Motiven wahllos neun Kleinunternehmer ermordet. Die Opfer hatten alle einen Migrationshintergrund. Anders als bei den neun vorangegangenen Morden bleibt das Tatmotiv im Fall Kiesewetter ungeklärt.

Dienstwaffe von Kiesewetter im abgebrannten Wohnmobil

Nach einem Banküberfall begingen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November 2011 in Eisenach Suizid. Zeugen hatten die beiden Männer zuvor bei einer kriminellen Tat beobachtet, sie flogen auf. Ihre Leichen wurden in einem ausgebrannten Wohnmobil gefunden. Die Polizei fand die Dienstwaffen von Kiesewetter und ihrem Kollegen im Wohnmobil des NSU-Trios. Später fanden die Beamten Kiesewetters Handschellen in der von Beate Zschäpe abgebrannten Wohnung des Trios und stellten ein NSU-Bekennervideo sicher.

In diesem Video wird auch der Polizistenmord erwähnt. Zu sehen ist unter anderem die Trauerfeier für Michèle Kiesewetter. Davon ausgehend brachte die Staatsanwaltschaft Böhnhardt und Mundlos mit dem Mord an Kiesewetter in Verbindung.

Ein Fall mit Rätseln

In dem Fall bleiben jedoch viele Fragen offen. Der Polizist und Patenonkel von Kiesewetter hatte bereits acht Tage nach dem Mord die Tat mit den bundesweiten „Türkenmorden“ in Zusammenhang gebracht.

Eine Thüringer Polizistin sagte vor dem NSU-Untersuchungsausschuss aus, sie sei bedroht worden. Unter anderem hätten zwei Männer sie zuhause aufgesucht. Ihr sei „geraten“ worden, sich „an bestimmte Dinge“ im Zusammenhang mit dem Heilbronner Polizistenmord nicht zu erinnern.

Eine ARD-Dokumentation von 2017 zeigt Aufnahmen von der Kranzniederlegung, die am 27. April 2007, also zwei Tage nach der Tat, stattfand. Dort ist ein „NSU“-Graffito an der Wand des unmittelbar am Tatort befindlichen Trafohäuschens zu sehen. Ein Zufall?

Zeugen erklärten unabhängig voneinander, sie hätten zum Zeitpunkt der Tat mehrere blutverschmierte Personen im Umfeld der Theresienwiese beobachtet. Einige von ihnen hätten sich fluchtartig vom Tatort entfernt. Sind Mundlos und Böhnhardt doch nicht die alleinigen Täter?

Eine im Oktober 2025 veröffentlichte Dokumentation des SWR mit dem Titel „Warum starb Michèle Kiesewetter?“ geht der Frage nach dem Tatmotiv erneut nach. Die Produktion basiert auf monatelangen Recherchen, wertet Akten aus Untersuchungsausschüssen aus und versucht, den Fall aus Sicht ehemaliger Ermittler zu beleuchten.

NSU-Prozess mit 438 Verhandlungstagen und 600 Zeugen

Am 11. Juli 2018 fiel im NSU-Prozess das Urteil am Oberlandesgericht (OLG) München. Mit fünf Angeklagten, 14 Verteidigern, 90 Nebenklägern, mehr als 600 Zeugen und 438 Verhandlungstagen ist es eines der größten und längsten Verfahren wegen Rechtsextremismus in Deutschland. Das OLG verurteilte Zschäpe wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft.

Auch nach dem NSU-Prozess bleiben jedoch viele Fragen offen. Der hessische Verfassungsschutz wollte ursprünglich eine Akte über die Rechtsterroristen bis ins Jahr 2134 unter Verschluss halten. Die Sperrfrist wurde nach Protesten auf vorerst 30 Jahre herabgesenkt.

QUELLE:TRT Deutsch