In Ankara blieb die befürchtete Eskalation mit Trump aus, und die Europäer erreichten ihre kurzfristigen Ziele. Die strukturellen Ursachen der transatlantischen Spannungen bestehen jedoch fort. Die nächste Krise ist damit nur aufgeschoben.
Der mit großer Spannung erwartete NATO-Gipfel in Ankara ist zu Ende gegangen. Türkiye war nach Istanbul 2004 zum zweiten Mal Gastgeberin eines Gipfeltreffens, bei dem nicht nur über die Zukunft der europäischen Sicherheit, sondern auch über den inneren Zusammenhalt der Allianz verhandelt wurde. Dass der Gipfel ohne offenen Bruch verlief und zugleich konkrete Beschlüsse hervorbrachte, wurde sowohl in Ankara als auch in den europäischen Hauptstädten mit Erleichterung aufgenommen.
Für die europäischen NATO-Mitglieder bestand die wichtigste Erwartung darin, eine erneute Grundsatzdebatte über den Wert und die Zukunft des Bündnisses zu verhindern. Befürchtet wurde vor allem, dass US-Präsident Donald Trump die amerikanische Beistandsbereitschaft infrage stellen oder die Allianz durch neue Forderungen und Drohungen unter erheblichen Druck setzen könnte. Diese Befürchtungen bestätigten sich zumindest in Ankara nicht.
Auch die Ergebnisse des Gipfels entsprachen in zentralen Punkten den europäischen Erwartungen. Die Bündnispartner bekräftigten Artikel 5, demonstrierten gegenüber Russland Geschlossenheit und verständigten sich auf eine Fortsetzung der militärischen Unterstützung für die Ukraine. Zwar erneuerte Trump seine Ansprüche auf Grönland und sorgte mit seinen Äußerungen zu Spanien erneut für Irritationen, eine grundsätzliche Konfrontation mit dem Bündnis vermied er jedoch. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte das europäische Ziel bereits vor seinem Abflug nach Ankara auf den Punkt gebracht: „Wir bauen eine europäischere NATO, damit die NATO transatlantisch bleiben kann.“
Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem. Europa hat in Ankara eine Eskalation abgewendet, ohne sich auf den nächsten Konflikt mit Washington vorzubereiten. Die Spannungen wurden gedämpft, ihre strukturellen Ursachen blieben jedoch unangetastet. Zwar tragen die Europäer inzwischen den Großteil der Ukraine-Hilfe und erhöhen ihre Verteidigungsausgaben in bislang kaum gekanntem Umfang. Doch selbst diese Anstrengungen folgen weitgehend einer Agenda, die in Washington gesetzt wurde. Der Gipfel zeigte erneut, dass die Vereinigten Staaten den Kurs bestimmen, während die Europäer auf Entscheidungen reagieren, die sie selbst nur begrenzt beeinflussen können.
Europas Bewährungsprobe mit Trump
Mit der Verschärfung der transatlantischen Spannungen werden auch die Treffen und Gipfel der NATO zunehmend mit nervöser Erwartung verfolgt. Das gilt längst nicht mehr nur für Kontinentaleuropa. Selbst Großbritannien, das sich außen- und sicherheitspolitisch häufig eng an Washington orientiert, kann nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass die Vereinigten Staaten als berechenbare Führungsmacht des Bündnisses auftreten. Die europäischen Verbündeten müssen sich daher vor wichtigen NATO-Treffen immer häufiger nicht nur auf gemeinsame Beratungen, sondern auch auf mögliche politische Angriffe aus dem Weißen Haus vorbereiten.
Vor dem Gipfel in Ankara wurde diese Unsicherheit durch den Krieg gegen Iran zusätzlich verschärft. Nachdem die Vereinigten Staaten gemeinsam mit Israel Iran angegriffen hatten, gelang es ihnen nicht, die militärischen Operationen innerhalb kurzer Zeit zu ihren Gunsten abzuschließen. Mit der weitgehenden Blockade der Straße von Hormus griff der Konflikt auf die globale Energieversorgung und damit unmittelbar auf Europa über. Durch diese Meerenge fließt normalerweise rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls. Die Folgen trafen daher besonders einen Kontinent, der die Energiekrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine noch immer nicht vollständig überwunden hat.
Washington forderte seine Partner zugleich auf, sich operativ an der Sicherung der Straße von Hormus zu beteiligen. Mehrere europäische Verbündete lehnten eine unmittelbare militärische Beteiligung ab oder knüpften sie an einen Waffenstillstand, ein internationales Mandat und klare rechtliche Voraussetzungen. Auch Deutschland machte deutlich, dass der Krieg nicht als NATO-Operation begonnen worden war und eine Beteiligung deshalb nicht automatisch aus der Bündnissolidarität abgeleitet werden konnte.
Für Trump bot diese Zurückhaltung eine nahezu ideale Bestätigung seines seit Jahren wiederholten Vorwurfs. Die Vereinigten Staaten, so sein Narrativ, schützten Europa vor Russland, während die Europäer zu wenig zahlten und Washington im entscheidenden Moment alleinließen. Die Ablehnung eines direkten Einsatzes gegen Iran konnte er nun als konkreten Beleg dafür präsentieren. Gerade diese Verbindung zwischen dem Iran-Krieg und Trumps Kritik an der NATO, deren amerikanische Bindung er zeitweise offen infrage stellte, ließ die Nervosität vor Ankara steigen.
Die europäischen Mitglieder reisten deshalb mit zwei eng miteinander verbundenen Zielen zum Gipfel. Erstens wollten sie die amerikanische Militärpräsenz in Europa sichern, die Unterstützung für die Ukraine fortsetzen und die Abschreckung gegenüber Russland stärken. Zweitens mussten sie verhindern, dass Trump die Debatte auf den Iran-Krieg, die europäischen Verteidigungsausgaben oder seine Forderungen gegenüber einzelnen Verbündeten lenkte. Im ungünstigsten Fall hätten die Europäer Ankara mit einer schwächeren NATO, einem stärker distanzierten Amerika und einer noch größeren strategischen Einsamkeit gegenüber Russland verlassen.
Entspannung ohne Lösung: die Ergebnisse von Ankara
Die von den Europäern befürchtete Eskalation blieb in Ankara aus. Trump stellte weder die Existenzberechtigung der NATO noch die amerikanische Rolle in Europa grundsätzlich infrage, auch wenn seine Äußerungen zu Grönland und Spanien erneut für Irritationen sorgten. Zugleich erreichten die europäischen Mitglieder bei den für sie entscheidenden Fragen weitgehend ihre Ziele. Die Allianz bekräftigte Artikel 5, hielt an der Abschreckung gegenüber Russland fest und sagte der Ukraine für 2026 militärische Unterstützung im Wert von 70 Milliarden Euro zu, die 2027 mindestens auf demselben Niveau fortgeführt werden soll. Hinzu kamen Beschlüsse zur Stärkung der militärischen Fähigkeiten und zum Ausbau der gemeinsamen Rüstungsproduktion. Der Gipfel vermittelte damit kurzfristig genau das Bild, das sich die europäischen Verbündeten erhofft hatten: Geschlossenheit, Handlungsfähigkeit und die Fortsetzung der Ukraine-Unterstützung.
Doch diese Erleichterung darf nicht mit einer strukturellen Lösung verwechselt werden. Weder wurde die Abhängigkeit von der amerikanischen Sicherheitsgarantie wesentlich verringert, noch entstand ein belastbarer Mechanismus, der Europa gegen einen künftigen Kurswechsel in Washington absichern könnte. Die nächste Krise wurde damit nicht ausgeschlossen, sondern lediglich vertagt.
Gerade darin zeigt sich das europäische Dilemma. Unter Joe Biden und Boris Johnson wurde die westliche Ukraine-Strategie maßgeblich in Washington und London geprägt. Deutschland und andere europäische Staaten schlossen sich dieser Linie schrittweise an, obwohl ihre anfänglichen Positionen zurückhaltender waren und sie einen besonders hohen Anteil der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgekosten zu tragen hatten. Mit Trumps Rückkehr veränderte sich die amerikanische Position. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Europa die Unterstützung der Ukraine zunehmend als eigene Sicherheitsaufgabe verstand, begann Washington, sein Engagement stärker an Bedingungen zu knüpfen und von den europäischen Verbündeten zusätzliche Beiträge zu verlangen. Europa befindet sich damit zwischen dem militärischen Druck Russlands und einer amerikanischen Sicherheitsgarantie, deren politische Verlässlichkeit weniger selbstverständlich geworden ist.
Eine dauerhafte Antwort kann deshalb nicht allein in der kurzfristigen Beruhigung transatlantischer Spannungen liegen. Europa muss seine eigenen militärischen Fähigkeiten ausbauen und zugleich regionale Kooperationsmodelle entwickeln, die seine Handlungsfähigkeit erweitern. Da es Russland kurz- und mittelfristig kaum aus eigener Kraft ausbalancieren kann, bleibt es auf Partner mit militärischen Kapazitäten, operativer Erfahrung und regionalem Gewicht angewiesen. Unter diesen Voraussetzungen kommt Türkiye eine besondere Bedeutung zu. Der Gipfel selbst lieferte dafür konkrete Anhaltspunkte: die neue britisch-türkische Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft, die geplante Entsendung türkischer F-16 zur Luftraumüberwachung nach Estland und die türkische Forderung nach einer stärkeren Einbindung in die europäische Verteidigungsarchitektur.
Hier zeigt sich jedoch eine deutliche Diskrepanz zwischen Europas sicherheitspolitischen Zielen und seiner politischen Praxis gegenüber Ankara. Deutschland, Frankreich und andere europäische Staaten sprechen von einer stärkeren europäischen Säule innerhalb der NATO, während politische Konflikte mit Türkiye weiterhin die Möglichkeiten einer engeren strategischen Zusammenarbeit begrenzen. Die jüngsten Beschlüsse des Europäischen Parlaments zu Türkiye und die noch während des Gipfels verabschiedete Zypern-Resolution verdeutlichen diese Spannung. Solange Europa seine sicherheitspolitischen Interessen und seine politischen Beziehungen zu Türkiye nicht stärker miteinander in Einklang bringt, wird der von Merz beschworene „Geist von Ankara“ kaum über den Gipfel hinaus Bestand haben.























