Die Entscheidung von Volkswagen, den Stellenabbau deutlich auszuweiten, hat die Aufmerksamkeit erneut auf die deutsche Industrie gelenkt. Der Konzern reagiert auf Überkapazitäten, sinkende Erträge, Handelsbarrieren und die wachsende Konkurrenz chinesischer Hersteller.
Volkswagen ist kein Einzelfall. Bosch plant vor allem im deutschen Automobilgeschäft den Abbau von rund 13.000 Stellen. Ford reduziert seine Belegschaft in Köln erheblich. Thyssenkrupp Steel will etwa 11.000 Stellen abbauen oder ausgliedern. Im BASF-Stammwerk Ludwigshafen ist die Beschäftigtenzahl auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten gefallen.
Sind dies voneinander unabhängige Unternehmensentscheidungen oder Anzeichen eines grundlegenden Strukturwandels?
Wenn Unternehmen über das Ausland nachdenken
Eine Untersuchung der Deutschen Industrie- und Handelskammer unter rund 3.100 Unternehmen verdeutlicht den Handlungsdruck. Etwa jedes fünfte Unternehmen erwägt, Investitionen oder Produktionskapazitäten ins Ausland zu verlagern, hat entsprechende Schritte eingeleitet oder bereits umgesetzt.
Unter Industrieunternehmen liegt der Anteil bei rund 40 Prozent, bei großen Industriebetrieben sogar bei ungefähr 60 Prozent. Das bedeutet nicht, dass die Mehrheit der Unternehmen Deutschland verlassen wird. Dennoch zeigt es, wie kritisch viele Betriebe den Standort inzwischen bewerten.
Hohe Energie- und Arbeitskosten, Bürokratie, langwierige Genehmigungsverfahren, Fachkräftemangel und wirtschaftspolitische Unsicherheit beeinflussen Investitionsentscheidungen. Andere Standorte locken gleichzeitig mit Förderungen, niedrigeren Kosten und besseren Zugängen zu Wachstumsmärkten.
Warum die alte Gleichung nicht mehr funktioniert
Deutschlands wirtschaftlicher Erfolg beruhte lange auf einem günstigen Zusammenspiel: Ingenieurskunst, qualifizierte Fachkräfte und eine leistungsfähige Industrie trafen auf vergleichsweise günstige Energie, offene Weltmärkte und eine wachsende Nachfrage aus China.
Heute verändern sich alle Bestandteile dieser Gleichung. Mit dem Russland-Ukraine-Krieg und den Sanktionen gegen Moskau endete die Phase günstiger russischer Energie weitgehend. Besonders energieintensive Unternehmen müssen seitdem mit höheren Kosten umgehen.
China ist zudem nicht länger nur Käufer deutscher Autos und Maschinen. Das Land produziert selbst Elektrofahrzeuge, Batterien und Industrieanlagen und exportiert diese zunehmend nach Europa. Gleichzeitig werden die USA protektionistischer. Zölle, Subventionen und nationale Produktionsvorgaben erschweren den Zugang zum amerikanischen Markt.
Deutschland befindet sich damit zwischen zwei Großmächten, die Industriepolitik zunehmend als Instrument geopolitischer Macht einsetzen.
Der Strukturwandel ist mehr als eine Krise
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gingen innerhalb eines Jahres mehr als 140.000 Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe verloren. Besonders betroffen ist die Automobilindustrie, deren Beschäftigtenzahl auf den niedrigsten Stand seit rund zwei Jahrzehnten sank.
Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch das Ende der deutschen Industrie ableiten. Ein Teil des Stellenabbaus ist konjunkturell bedingt, ein anderer hängt mit der technologischen Transformation zusammen.
Elektrofahrzeuge benötigen weniger mechanische Komponenten als Verbrenner. Tätigkeiten in der Motoren- und Getriebefertigung verlieren deshalb an Bedeutung. Zugleich entstehen neue Arbeitsfelder in der Softwareentwicklung, Batterietechnik und Halbleiterproduktion.
Entscheidend ist daher, ob diese neuen Wertschöpfungsketten in Deutschland entstehen oder zunehmend ins Ausland verlagert werden.
Deutschlands Arbeitsmarktparadox
Während Industrieunternehmen Stellen abbauen, fehlen in anderen Bereichen Arbeitskräfte. Laut Bundesagentur für Arbeit besteht in 157 Berufsgruppen ein Mangel an qualifiziertem Personal. Besonders betroffen sind Pflege, Gesundheitswesen, Handwerk, Bau und Verkehr.
Der wichtigste Grund ist die Demografie. Viele Beschäftigte der Babyboomer-Generation werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Die jüngeren Jahrgänge reichen nicht aus, um die entstehenden Lücken zu schließen.
Deutschland verliert somit Arbeitsplätze in Teilen der traditionellen Industrie, benötigt gleichzeitig aber zusätzliche Beschäftigte in anderen Branchen. Dabei wird das Beschäftigungswachstum zunehmend von ausländischen Arbeitskräften getragen. Ohne Zuwanderung würde die Zahl der Erwerbstätigen in vielen Bereichen bereits zurückgehen.
Migration als wirtschaftliche Notwendigkeit und politische Konfliktfrage
Diese Realität trifft auf eine polarisierte Migrationsdebatte. Während der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften wächst, gewinnt die migrationskritische und in Teilen rechtsextreme AfD an Zustimmung.
Besonders deutlich wird der Widerspruch in Ostdeutschland. Dort ist die AfD in vielen Regionen stark. Gleichzeitig leiden diese Gebiete unter Abwanderung, demografischem Wandel und Fachkräftemangel. Zahlreiche Unternehmen sind auf Zuwanderung angewiesen.
Migration benötigt selbstverständlich klare Regeln, funktionierende Institutionen, Sprachförderung und eine langfristige Integrationspolitik. Deutschland kann seine wirtschaftlichen Interessen jedoch nicht schützen, wenn Einwanderung ausschließlich als Bedrohung betrachtet wird. Eine alternde Gesellschaft braucht eine sachliche Debatte darüber, welche Arbeitskräfte sie benötigt und wie diese Menschen integriert werden können.
Zwischen Washington und Peking
Als exportorientierte Volkswirtschaft ist Deutschland besonders stark von geopolitischen Veränderungen abhängig. Das Land muss seine Partnerschaft mit den USA aufrechterhalten und zugleich seine Wirtschaftsbeziehungen zu China neu ordnen.
Eine vollständige Abkopplung von China wäre wirtschaftlich kostspielig. Eine zu große Abhängigkeit bleibt jedoch riskant. Deutschland braucht daher vielfältigere Lieferketten, neue internationale Partnerschaften und eine stärkere europäische Industriepolitik.
Ohne wettbewerbsfähige Energiepreise, Investitionen in Forschung und Infrastruktur sowie schnellere Entscheidungen wird Europa gegenüber den USA und China weiter an Bedeutung verlieren.
Eine ungewisse Zukunft für „Made in Germany“
Deutschland verfügt weiterhin über eine starke Forschungslandschaft, qualifizierte Fachkräfte, innovative Mittelständler und weltweit anerkannte Marken. Doch diese Stärken garantieren nicht, dass das bisherige Industriemodell auch unter den neuen Bedingungen bestehen kann.
Der Abbau von Arbeitsplätzen, die Verlagerung von Investitionen und der Verlust von Marktanteilen sind mehr als vorübergehende Begleiterscheinungen einer schwachen Konjunktur. Sie zeigen, dass Teile der industriellen Wertschöpfung dauerhaft verloren gehen könnten. Sind Produktion, Fachwissen und Zulieferstrukturen erst einmal abgewandert, lassen sie sich nur schwer zurückholen.
„Made in Germany“ wird deshalb vermutlich nicht verschwinden. Doch das Gütesiegel könnte künftig für eine kleinere, stärker spezialisierte und weniger beschäftigungsintensive Industrie stehen. Damit würde sich nicht nur die deutsche Wirtschaft, sondern auch das soziale Fundament vieler Industrieregionen verändern.
Deutschland steht somit nicht unmittelbar vor dem Ende seiner Industrie. Es besteht jedoch die Gefahr, dass das Land den Strukturwandel langsamer bewältigt, als seine internationalen Konkurrenten voranschreiten. Die entscheidende Frage ist daher, wie viel industrielle Substanz verloren geht, bevor aus politischen Debatten konkrete Entscheidungen werden.























