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Warum Deutschlands China-Politik Europa spaltet und die eigene Wirtschaft schwächt
Deutschland will Europa militärisch führen, duckt sich gegenüber China aber wirtschaftspolitisch weg. Während Brüssel härtere Instrumente gegen Pekings Dumpingmodell vorbereitet, setzt Berlin auf Dialog und Konzerninteressen.
Warum Deutschlands China-Politik Europa spaltet und die eigene Wirtschaft schwächt
27.05.2026, China, Peking: He Lifeng, Chinas Vizeministerpräsident, begrüßt Katherina Reiche. / Foto: Johannes Neudecker/dpa

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat Führung in Europa versprochen und will Deutschland bis 2039 zur größten konventionellen Militärmacht des Kontinents ausbauen. Es ist ein historischer Anspruch, der eine fundamentale Abkehr von jahrzehntelanger Zurückhaltung seit Gründung der Bundesrepublik markiert. Doch während Berlin sicherheitspolitisch eine Ansage macht, zeigt sich auf einem anderen, kaum weniger entscheidenden Feld ein anderes Bild: die deutsche Außenwirtschaftspolitik gegenüber Peking ist voller Widersprüche. Der erste China-Besuch von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) Ende Mai 2026 offenbart eine besorgniserregende Kluft zwischen dem deutschen Führungsanspruch in Europa und einer einseitigen von Konzerninteressen und Wunschdenken geleiteten Berliner Praxis.

Das Timing der Reise war bemerkenswert. Genau an dem Tag, an dem Reiche in Peking mit Vize-Premier He Lifeng und Handelsminister Wang Wentao am Verhandlungstisch saß, präsentierte die Europäische Kommission in Brüssel ihre revidierte China-Strategie. Brüssel setzt mit einem neuen Überkapazitäts-Instrument und dem Industrial Accelerator Act auf einen spürbar härteren, strukturellen Kurs gegen Pekings unfaire Handelspraktiken. Berlin hingegen schickte seine Wirtschaftsministerin flankiert von rund 40 hochrangigen Wirtschaftsvertretern – darunter die Chefs von BASF, Thyssenkrupp und Siemens Energy – auf eine klassische Wirtschaftsmission.

Diese Gleichzeitigkeit ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer konzeptionellen Zerrissenheit. Während die EU-Kommission versucht, europäische Handlungsfähigkeit durch wirtschaftliche Resilienz und härtere Schutzschirme zu organisieren, signalisiert die größte Volkswirtschaft des Kontinents in Peking vor allem eines: Bitte keine Störungen, das Geschäft muss weitergehen.

Der „China-Schock 2.0“ und das Berliner Zögern

Dabei ist der ökonomische Befund, unter dem die deutsche Wirtschaft leidet, beunruhigend. Der aktuelle Bericht des Centre for European Reform (CER) zeichnet analytisch präzise was der sogenannten „China-Schocks 2.0“ bedeutet: Chinas Wirtschaftsmodell funktioniert nicht nach den Regeln des ordoliberalen EU-Binnenmarktes. Es gibt keinen fairen Wettbewerb mit China. Massive staatliche Subventionen in Höhe von schätzungsweise 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – rund 800 Milliarden US-Dollar jährlich –, eine gezielte Importsubstitution und eine gesteuerte Währungsabwertung haben zu gigantischen Überkapazitäten geführt, die über das hinausgehen, was globale Märkte aufnehmen können. Da Zölle von US-Präsident Donald Trump den amerikanischen Markt rigide abschotten, drängen diese subventionierten Gütermengen umso stärker nach Europa. Im ersten Quartal 2026 wuchs das chinesische Exportvolumen im Jahresvergleich um 15 Prozent.

Die Folgen für Deutschland sind nicht nur schmerzhaft. Sie gefährden das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Die Industrieleistung schrumpft seit sechs Jahren in Folge. Das CER schätzt, dass fast 40 Prozent des deutschen BIP-Rückstands seit der Pandemie auf verlorene Exportmärkte und die Verdrängung durch chinesische Anbieter zurückzuführen sind.

Betrachtet man die Positionen von Ministerin Reiche, fällt eine bemerkenswerte diagnostische Übereinstimmung mit den Ökonomen des CER auf. Reiche benennt die „Flut hochsubventionierter Produkte“ bei Stahl, Chemie, Solarpanels oder Elektrofahrzeugen im öffentlichen Diskurs präzise. Auch ihre Forderung nach „Reziprozität“ – also gleichwertigem Marktzugang für deutsche Unternehmen in China – klingt logisch und entschlossen.

Doch wo die Diagnose übereinstimmt, driften die Rezepte auseinander. Das CER fordert als strukturelle Antwort eine „europäische 301“-Regelung: ein sektorweites Instrument, das ganze Industrien pauschal schützen kann, ohne dass mühsam für jedes Einzelprodukt Subventionsnachweise erbracht werden müssen. Reiches Kurs hingegen setzt primär auf den Dialog, Pragmatismus und auf das Werben um faire Spielregeln in der Hoffnung, dass diese konstruktivere Haltung mit chinesischen Marktöffnungen für die deutschen Champions belohnt wird. Neue Handelsbeschränkungen gelten ihr als allerletztes Mittel, auch aus Sorge vor Pekings Vergeltung.

Das falsche Signal zur falschen Zeit

Diese Haltung zeugt von Wunschdenken und greift strukturell zu kurz. Sie behandelt eine tiefe Systemrivalität wie ein bloßes Missverständnis, das sich durch besseres Verhandeln ausräumen ließe. Schlimmer noch: Sie schwächt die europäische Verhandlungsposition im Moment, in dem Einigkeit besonders gefragt wäre. Indem die Bundesregierung sich weigert, das neue Überkapazitäts-Instrument der EU-Kommission offensiv zu unterstützen, präsentiert sich Deutschland als die weiche Flanke Europas. Eine Allianz aus Frankreich, Italien, Spanien, den Niederlanden und Litauen drängt auf eine härtere Gangart – Berlin blockiert und bremst im Hintergrund.

Dahinter steht eine unübersehbare Prioritätensetzung: Der Schutz der großen, tief in China investierten DAX-Konzerne bestimmt die Leitlinien der deutschen Politik. Wenn ein Gigant wie BASF Milliarden in seinen neuen Großkomplex in Zhanjiang investiert, hat er ein existenzielles Interesse daran, dass die EU keine Zölle erhebt, die Gegenmaßnahmen Pekings provozieren könnten. Für die Großen bedeutet De-Risking, sich in China weiter zu engagieren, für die Kleinen eher das Gegenteil. Reiche agiert hier als Schutzpatronin der Konzerninteressen, deren Vertreter sie begleiteten.

Die Zeche für diesen scheinbaren Pragmatismus zahlt jedoch ein anderer Teil der Wirtschaft: der deutsche Mittelstand. Während die Großkonzerne oft die Kraft haben, Teile ihrer Produktion direkt nach China zu verlagern, um den dortigen Markt „von innen heraus“ zu bedienen, ist diese Option für mittelständische Maschinenbauer, Zulieferer oder Spezialchemiker kaum realisierbar. Sie sind dem direkten Verdrängungswettbewerb durch hochsubventionierte chinesische Importe auf dem europäischen Heimatmarkt schutzlos ausgeliefert. Zudem zeigt eine aktuelle Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung, dass Deutschlands Importabhängigkeit bei strategisch kritischen Gütern seit 2023 sogar noch gestiegen ist. Das viel beschworene „De-Risking“ erweist sich in der Praxis als rhetorische Beruhigungspille ohne reale Substanz.

Ein strategischer Fehler

Angesichts eines bilateralen Handelsvolumens von über 251 Milliarden Euro ist eine Entkopplung von China keine Option. Strategisch notwendig ist aber der Abbau der hochgradig asymmetrischen Abhängigkeiten. Dabei geht es nicht um wirtschaftlichen Alarmismus, sondern um strategische Kohärenz.

Wenn Deutschland den Anspruch erhebt, Europa sicherheitspolitisch zu führen und zu schützen, dann kann es sich nicht gleichzeitig im ökonomischen Kernbereich wegducken und eine nationale Politik betreiben, die die ohnehin mühsam arbeitende Kompromissmaschine EU schwächt. Ein starkes Europa braucht eine Wirtschaftspolitik, die nicht nur die Interessen einiger weniger Großkonzerne bedient, sondern die industrielle Basis des gesamten Kontinents – inklusive des Mittelstands – im Blick hat.

Die Reise von Reiche mag den Wünschen der mitgereisten Manager entsprochen haben. Als Signal für eine zukunftsfähige europäische China-Politik war sie jedoch ein Rückschritt. Wenn Berlin nicht bereit ist, unbequeme strukturelle Entscheidungen mitzutragen und Chinas unfairen Praktiken echte, europäische Grenzen zu setzen, verliert es Ansehen und das Vertrauen seiner Partner. Man kann in Europa nicht Führung einfordern, wenn man im entscheidenden Moment nur Partikularinteressen bedient. China hat genau daran Interesse, weil es mit einem gespaltenen Europa besser zurechtkommt als mit einem geeinten.

Wohlwollender betrachtet lässt sich der zeitgleiche Besuch Reiches und die Vorstellung der neuen Handelsinstrumente durch die Europäische Kommission aber auch so lesen:
China hat die Wahl: nimmt sie das deutsche Angebot an, öffnet seine Märkte und arbeitet an konstruktiven Kompromisslösungen, setzt sich die Erfolgsgeschichte der Globalisierung fort, bei der beide Seiten reich geworden sind. Führt sie ihre aggressive Konfrontationsstrategie fort, weiß die EU zu reagieren und hat die entsprechenden Instrumente bereit. Dann wird wohl auch Deutschland die Seiten wechseln, falls es dann nicht zu spät ist.