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Merz’ „kleine Paschas“: Wie der Kampf gegen die AfD die extreme Rechte stärkt
Merz hält an Begriffen wie „kleine Paschas“ fest und verschärft seinen Ton gegenüber Migranten. Doch während seine Zustimmung abstürzt, erreicht die AfD neue Höchstwerte. Bekämpft Merz die extreme Rechte – oder übernimmt er längst ihre Sprache?
Merz’ „kleine Paschas“: Wie der Kampf gegen die AfD die extreme Rechte stärkt
Merz’ „kleine Paschas“: Wie der Kampf gegen die AfD die extreme Rechte stärkt / Foto: DPA

Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich im ZDF-Sommerinterview von früheren, scharf kritisierten Äußerungen nicht distanziert. Er wies die Kritik an seiner Bezeichnung „kleine Paschas“ für einige Kinder mit Migrationshintergrund ebenso zurück wie an seiner Aussage, Migranten veränderten das „Stadtbild“, und an seinem Vorwurf, die Menschen in Deutschland arbeiteten nicht genug. Merz zufolge liegt das Problem nicht in seiner Wortwahl. Vielmehr könnten bestimmte Realitäten in Deutschland nicht mehr offen ausgesprochen werden.

Politische Äußerungen müssen jedoch nicht nur nach ihrem Wortlaut beurteilt werden. Entscheidend ist auch, in welchem politischen Umfeld und mit welchem Ziel sie fallen. Merz’ Aussagen kommen zu einer Zeit, in der Deutschland mit wirtschaftlicher Stagnation, Konflikten innerhalb der Regierung und dem Aufstieg der AfD konfrontiert ist. Die Debatte über die „kleinen Paschas“ lässt sich daher nicht als bloßer Kommunikationsfehler abtun. Sie ist Teil einer Strategie der geschwächten politischen Mitte, Unterstützung über Migration, Identität und kulturelle Konflikte zurückzugewinnen.

Wie begann die Debatte über die „kleinen Paschas“?

Merz hatte den Ausdruck erstmals Ende 2022 nach den Ausschreitungen in der Berliner Silvesternacht verwendet. Er behauptete, einige Kinder mit Migrationshintergrund akzeptierten die Autorität von Lehrkräften nicht, insbesondere nicht die von Lehrerinnen. Diese Kinder bezeichnete er als „kleine Paschas“.

Die Aussage wurde scharf kritisiert. Merz verallgemeinere Kinder anhand ihrer familiären Herkunft und setze muslimische sowie migrantische Gemeinschaften pauschal mit Problemen in Schulen und bei der öffentlichen Ordnung gleich, lautete der Vorwurf.

Merz zog seine Äußerung jedoch nicht zurück. Stattdessen erklärte er, er spreche Probleme an, die allgemein bekannt seien, über die sich aber niemand zu reden traue. Damit rückte er nicht konkrete Bildungs- oder Integrationspolitik in den Mittelpunkt, sondern eine kulturelle Verallgemeinerung über Menschen mit Migrationshintergrund.

Zweifellos gibt es in Deutschland Probleme bei Bildung, Integration, Jugendkriminalität und der Anerkennung staatlicher Autorität. Die Aufgabe eines politischen Verantwortlichen besteht jedoch nicht darin, aus Einzelfällen Rückschlüsse auf Millionen Menschen und deren kulturelle Herkunft zu ziehen.

Politische Führung bedeutet nicht nur, Probleme sichtbar zu machen. Sie verlangt auch, diese präzise und verantwortungsvoll zu benennen. Andernfalls wird Integration nicht länger als politische Gestaltungsaufgabe behandelt, sondern zum Gegenstand eines Kulturkampfes zwischen gesellschaftlichen Gruppen.

Merz verliert politischen Rückhalt

Hinter Merz’ jüngsten Aussagen steht nicht allein sein persönlicher Kommunikationsstil. Der Bundeskanzler gerät zunehmend politisch unter Druck.

Laut dem ARD-DeutschlandTrend vom Juli 2026 waren nur noch 13 Prozent der Befragten mit Merz’ Arbeit als Bundeskanzler zufrieden. Damit erreichte er den niedrigsten Wert für einen amtierenden Bundeskanzler in der rund 30-jährigen Geschichte der Erhebung.

Gleichzeitig kam die AfD auf 27 Prozent, während CDU und CSU nur noch 22 Prozent erreichten. Die extreme Rechte lag damit fünf Prozentpunkte vor der Union.

Die Zahlen zeigen, dass Merz’ verschärfte Rhetorik bei den Wählern nicht die erhoffte Wirkung entfaltet. Die Annäherung der Union an die AfD bei Migration und innerer Sicherheit hat AfD-Wähler nicht zur CDU zurückgeführt. Während die AfD auf dem Weg ist, stärkste politische Kraft Deutschlands zu werden, verliert die Regierung Merz selbst in ihrer eigenen Wählerschaft an Vertrauen.

Die Regierung beschreibt ein anderes Deutschland als die Wähler

Bei seiner Sommerpressekonferenz am 15. Juli erklärte Merz, die Regierung habe ihren Rhythmus gefunden, die Koalition sei stabiler geworden und könne eine positive Bilanz vorweisen. Zugleich räumte er ein, dass die derzeitigen Umfragewerte nicht für eine erneute Regierungsmehrheit ausreichen würden.

Merz wandte sich direkt an AfD-Wähler und rief sie dazu auf, die Arbeit der Regierung nicht allein durch die Perspektive der sozialen Medien zu beurteilen.

Zwischen dem Bild der Regierung und der Wahrnehmung der Bevölkerung besteht jedoch eine erhebliche Kluft. In einer ARD-Umfrage vom Juni 2026 bewerteten lediglich 13 Prozent der Befragten die wirtschaftliche Lage Deutschlands positiv. 38 Prozent rechneten damit, dass sich ihre persönliche wirtschaftliche Situation im kommenden Jahr verschlechtern werde. Nur sechs Prozent erwarteten eine Verbesserung.

27 Prozent nannten die Wirtschaft als wichtigstes Problem des Landes. Migration und Flucht folgten mit 21 Prozent auf dem zweiten Platz.

Die Zahlen machen deutlich: Die größte Sorge der deutschen Bevölkerung ist nicht die Migration, sondern der wirtschaftliche Niedergang. Dennoch wird die politische Debatte über Kinder mit Migrationshintergrund, das Erscheinungsbild deutscher Städte und kulturelle Anpassung geführt. Damit tritt die Frage in den Hintergrund, ob die Regierung wirtschaftspolitisch überhaupt noch handlungsfähig ist.

Die deutsche Automobil- und Chemieindustrie steht unter massivem globalem Wettbewerbsdruck. Hohe Energiekosten, der technologische Rückstand gegenüber China, eine schwerfällige Bürokratie, Defizite bei der Infrastruktur und der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften belasten das Wirtschaftsmodell des Landes.

Dass die Regierung auf diese strukturellen Probleme nicht schnell genug reagiert, verstärkt die Enttäuschung in der Bevölkerung. Die Migrationsdebatte wird dabei zeitweise zu einem politischen Vorhang, hinter dem diese Unzufriedenheit verschwindet.

Die Sprache der AfD erreicht die politische Mitte

Der Erfolg der AfD zeigt sich nicht nur in ihren Umfragewerten. Sie prägt zunehmend auch die Themen und Begriffe der politischen Mitte. Wenn CDU und andere Parteien ihre Rhetorik bei Migration, Integration und öffentlicher Ordnung verschärfen, schwächen sie die AfD nicht zwangsläufig. 

Vielmehr legitimieren sie deren Deutungsmuster. Merz’ Festhalten am Begriff „kleine Paschas“ verstärkt so den Eindruck, dass zentrale Thesen der AfD inzwischen auch in der Union anschlussfähig sind. Die Brandmauer bleibt damit zwar formal bestehen, beginnt sprachlich und gesellschaftlich jedoch zu bröckeln.

Zugleich steht Deutschland vor einem grundlegenden Widerspruch: Das Land braucht wegen Fachkräftemangel und demografischem Wandel Zuwanderung, stellt Migranten politisch aber häufig als Sicherheits- und Integrationsproblem dar. 

Eine solche Rhetorik vertieft Ausgrenzung, ohne wirtschaftliche oder soziale Probleme zu lösen. Merz’ Kurs zeigt daher, dass sich Populismus nicht mit der Sprache des Populismus besiegen lässt. Wer die AfD durch die Übernahme ihrer Begriffe zurückdrängen will, stärkt am Ende ihre politische Legitimität und schwächt die eigene demokratische Abgrenzung.