Rechtspopulistische Parteien sind zu einem prägenden Faktor europäischer Parteiensysteme geworden. Sie verbinden Nationalismus und „einheimischenzentrierte“ Orientierung mit einer Anti-Establishment-Rhetorik, die Politik als Konflikt zwischen einem vermeintlich homogenen „Volk“ und einer korrupten „Elite“ deutet. Der europäische Vergleich zeigt jedoch keinen linearen Rechtsruck. Vielmehr wechseln Aufstieg, institutionelle Begrenzung und Rückschläge einander ab.
Entscheidend sind nationale Parteiensysteme, Regierungsverantwortung, Protest gegen Amtsinhaber und die Fähigkeit etablierter Parteien, rechtspopulistische Herausforderer einzubinden, auszugrenzen oder in anderer Weise mit ihnen umzugehen. Wie unterschiedlich diese Faktoren zusammenwirken, zeigt ein Blick auf die Entwicklungen in Deutschland, Frankreich, Österreich, den Niederlanden und Ungarn.
Deutschland
Die Alternative für Deutschland (AfD) verkörpert derzeit den deutlichsten Aufstieg. Bei der Bundestagswahl 2025 verdoppelte sie ihren Stimmenanteil gegenüber 2021 auf 20,8 Prozent und wurde mit 152 Mandaten zweitstärkste Kraft. Ihre Unterstützung ist regional ungleich verteilt und im Osten besonders hoch. Auch nach der Wahl stiegen ihre Umfragewerte weiter. Die drei ostdeutschen Landtagswahlen vom September 2026 unterstreichen diese Verankerung:
In Sachsen-Anhalt wurde sie mit 43,8 Prozent und 39 Mandaten, in Mecklenburg-Vorpommern mit 38,2 Prozent und 32 Mandaten jeweils stärkste Kraft. In Berlin erreichte sie 16,3 Prozent und 29 Mandate und wurde damit drittstärkste Partei im Abgeordnetenhaus.
Damit zeigt sich ein stabiler regionaler Resonanzraum, obwohl die AfD auf Bundes- und Landesebene weitgehend von Regierungsbildungen ausgeschlossen bleibt. Die „Brandmauer“ begrenzt also bislang den Zugang zur Exekutive, nicht aber den elektoralen Aufstieg.
Frankreich
In Frankreich hat sich das Rassemblement National (RN) unter Jordan Bardella und dem fortdauernden Einfluss Marine Le Pens weiter entfaltet. 2024 stieg sein Stimmenanteil bei der Parlamentswahl gegenüber 2022 massiv auf 32,05 Prozent; hingegen der Zuwachs der Zahl der Sitze für RN-Kandidaturen fiel jedoch deutlich abgeschwächter aus. Ursache war auch die republikanische Front aus linken und zentristischen Kräften, die in Stichwahlen taktisch kooperierte.
Das RN verbindet restriktive Migrationspolitik, Kaufkraft- und Sicherheitsthemen mit dem Bestreben einer „Entdämonisierung“ des eigenen Profils in der Wahrnehmung von Politik. Frankreich illustriert daher einen starken gesellschaftlichen Aufstieg des Rechtspopulismus, dessen Umsetzung in Regierungsmacht weiterhin institutionell und strategisch gebremst wird.
Österreich
Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) erreichte 2024 mit 28,9 Prozent ihr historisch bestes Nationalratswahlergebnis und wurde erstmals stärkste Partei. Dennoch blieb sie nach langen Koalitionsverhandlungen außerhalb der Regierung: Gespräche zwischen FPÖ und ÖVP scheiterten, anschließend bildeten ÖVP, SPÖ und NEOS eine Koalition.
Die Kampagne um „Festung Österreich“ und den „Volkskanzler“ Herbert Kickl verband Migration, EU-Skepsis und Anti-Establishment-Mobilisierung. Dass die FPÖ nach der Wahl in Umfragen weiter zulegte, spricht gegen die Interpretation eines bloß kurzfristigen Protestvotums. Österreich zeigt somit: Wahlsieg und Regierungszugang fallen bei rechtspopulistischen Parteien nicht zwingend zusammen.
Niederlande
Die Niederlande markieren dagegen einen Rückschlag nach kurzer Regierungsbeteiligung. Geert Wilders’ PVV war 2023 mit 23,49 Prozent stärkste Partei geworden, fiel 2025 jedoch auf 16,66 Prozent und 26 Sitze zurück. Zuvor hatte sie seit Juli 2024 dem Kabinett Schoof angehört, dieses aber im Juni 2025 wegen des Streits über die Asylpolitik verlassen.
Danach entstand eine Regierung ohne PVV. Anfang 2026 schwächte eine Abspaltung von sieben Abgeordneten die Partei zusätzlich. Der Fall deutet weniger auf ein Ende rechter Nachfrage als auf eine Sanktionierung unerfüllter Regierungsversprechen: Rechtspopulismus kann durch Regierungsverantwortung entzaubert werden.
Ungarn
Ungarn liefert das drastischste Beispiel eines Falls aus langjähriger Macht. Fidesz-KDNP hatte 2022 noch 54,13 Prozent und eine Zweidrittelmehrheit erzielt, verlor 2026 aber deutlich und kam nur noch auf 38,61 Prozent sowie 52 Sitze. Die neue Tisza-Partei unter Péter Magyar gewann mit 53,18 Prozent und 141 Mandaten. Die Wahlbeteiligung stieg auf 78,99 Prozent; frühere Fidesz-Wähler wechselten in beträchtlicher Zahl zu Tisza.
Damit endeten sechzehn Jahre ununterbrochener Fidesz-Regierung. Der Machtverlust bedeutete allerdings keinen eindeutigen Linksruck, weil Tisza selbst rechts der Mitte verortet wird. Im Vordergrund standen vielmehr Amtsmüdigkeit, Korruptionsvorwürfe und wirtschaftliche Stagnation.
Ausblick auf die Zukunft des Rechtspopulismus
„Aufstieg und Fall des Rechtspopulismus“ beschreibt deshalb keinen einheitlichen europäischen Zyklus. Deutschland, Österreich und Frankreich zeigen anhaltende oder konsolidierte Wahlerfolge, während Niederlande und Ungarn belegen, dass Regierungsnähe, gebrochene Versprechen und lange Amtszeiten erhebliche Verluste auslösen können. Die ostdeutschen Landtagswahlen 2026 relativieren zugleich jede These eines unmittelbar bevorstehenden Niedergangs von Rechtspopulismus: Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern dokumentieren eine besonders starke regionale Verankerung der AfD.
Für den Ausblick ist daher zwischen Stimmenmacht und Regierungsmacht zu unterscheiden. Rechtspopulistische Parteien können elektoral wachsen, ohne exekutive Macht zu gewinnen; umgekehrt kann Regierungsverantwortung ihre Protestidentität schwächen. Der europäische Trend bleibt somit offen, national unterschiedlich und abhängig davon, ob etablierte Parteien glaubwürdige politische Angebote entwickeln und ob Rechtspopulisten den Übergang von Mobilisierung zu dauerhaft erfolgreichem Regieren bewältigen.
Der Rechtspopulismus ist in Europa keineswegs auf dem Rückzug: Er kann an den Wahlurnen triumphieren und dennoch von der Macht fernbleiben – und gerade die Regierungsverantwortung könnte sich als sein gefährlichster Gegner erweisen.























