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WFP-Vizechef: Sudan muss wieder oben auf der Tagesordnung stehen
Die größte humanitäre Krise der Welt steht in der Aufmerksamkeit im Schatten anderer Konflikte. Das muss sich ändern, so der Vizechef des Welternährungsprogramms vor der Berliner Sudan-Konferenz.
WFP-Vizechef: Sudan muss wieder oben auf der Tagesordnung stehen
Foto: Thomas Mukoya/REUTERS
vor 5 Stunden

Der Vizechef des Welternährungsprogramms (WFP), Carl Skau, hofft, dass die Berliner Sudan-Konferenz an diesem Mittwoch das krisengeschüttelte Land wieder „ganz oben auf die Tagesordnung“ setzt. Geberländer müssten nicht nur Zusagen machen, sondern diese auch umsetzen, sagte Skau der Deutschen Presse-Agentur in einem Telefongespräch aus der sudanesischen Region Darfur. „Wir brauchen größere Hilfsmengen, nachhaltigere Lieferungen und mehr Kapazitäten vor Ort.“

Man habe die Erfahrung bei der Organisation der Hilfen. „Aber es gibt zwei Dinge, die wir brauchen: Erstens sicheren Zugang für alle Konfliktparteien, um Hilfe in einem viel größeren Umfang und ohne Einmischung zu ermöglichen und zu erleichtern. Zweitens finanzielle Mittel“, betonte Skau, der unter anderem Flüchtlinge in der Stadt Tawila in Nord-Darfur besucht hatte. Dorthin waren zahlreiche Einwohner aus Al-Faschir, der im vergangenen Oktober von der paramilitärischen Miliz Rapid Support Forces (RSF) mit Gewalt eingenommenen Hauptstadt von Nord-Darfur, geflüchtet. In der Stadt herrschte nach monatelanger Belagerung eine Hungersnot. 

Zu lange Abstände zwischen Lieferungen

Die Mangelernährung habe sich auch im Tawila gezeigt, so Skau. Zwar gebe es Hilfe, doch die Lieferungen an Spezialnahrung für schwer unterernährte Kinder reichten nicht aus. „Eine Lieferung reicht für zehn Tage, dann dauert es fast zwei Monate bis zur nächsten. So kann natürlich keine wirksame Ernährungstherapie stattfinden.“

Als er über den Grenzübergang Adré im Tschad nach Tawila gereist sei, „fuhren 50 WFP-Lastwagen mit uns über die Grenze“, sagte Skau. „Nur braucht ein Lastwagen mehr als drei Tage, um von Adré nach Tawila durch das sehr komplizierte Straßennetz zu gelangen. Und mit Beginn der Regenzeit wird das nicht mehr möglich sein.“ Die Regenzeit beginnt im Sudan im Mai. Es müsse auch mehr Lieferungen aus dem von der sudanesischen Regierung kontrollierten Gebiet im Norden und Osten geben, forderte Skau. Denn Genehmigungen für Transporte in das von der RSF beherrschte Gebiet des Sudan sind schwer zu bekommen. In dem seit drei Jahren dauernden Konflikt bekriegen sich die Regierungsarmee und die RSF.

„Es gibt Gebiete, die wir nicht erreichen“

Besonders kritisch sei die Lage in Kordofan, wo es seit Monaten zu heftigen Kämpfen kommt und die RSF-Miliz mehrere Städte belagert. „Es gibt Gebiete, die wir nicht erreichen. Und ehrlich gesagt kennen wir das Ausmaß des Bedarfs in manchen dieser Gebiete gar nicht. Was wir dort dringend brauchen, ist ein Ende der Kämpfe, denn die Frontlinien verschieben sich ständig.“ Er hoffe daher, dass die Berliner Konferenz auch zu einer Art Waffenstillstand führen könne, sagte Skau. „Letztendlich brauchen wir hier eine politische Lösung, einen Friedensprozess, und die Waffen müssen zum Schweigen gebracht werden.“

UNDP: Krieg zerstört Zukunft des Sudans 

Auch das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) zeigt sich äußerst besorgt über die Lage im Sudan. Die Behörde warnt vor den langfristigen Folgen des Krieges im Sudan. Sollte der Krieg bis 2030 andauern, würden dann einem Bericht zufolge etwa 52 Millionen Menschen im Land in extremer Armut leben, was mehr als 60 Prozent der Bevölkerung entspreche, erklärte UNDP am Dienstag in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Der Beginn des Krieges jährt sich am Mittwoch zum dritten Mal.

„Drei Jahre nach Beginn des Konflikts befinden wir uns nicht nur in einer Krise. Wir erleben die systematische Zerstörung der Zukunft des Landes“, sagte der UNDP-Leiter im Sudan, Luca Renda. Allein 2023 habe der Sudan durch den Krieg schätzungsweise 6,4 Milliarden US-Dollar Wirtschaftsleistung verloren. Gleichzeitig seien in nur einem Jahr fast sieben Millionen Menschen in extreme Armut gedrängt worden.

Im Sudan tobt ein erbitterter Machtkampf, ausgetragen zwischen der regulären Armee und den paramilitärischen RSF. Der Krieg begann am 15. April 2023 in und um die Hauptstadt Khartum und weitete sich auf große Teile des nordostafrikanischen Landes aus. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mehr als 33 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen.

QUELLE:TRT Deutsch und Agenturen