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KI und Bot-Konten im israelischen Wahlkampf
KI-Videos und Bot-Netzwerke prägen Israels Wahlkampf. Vor allem Netanjahus Likud setzt auf künstlich erzeugte Inhalte. Die Entwicklung wirft Fragen nach Manipulation und den Folgen für die politische Meinungsbildung auf.
KI und Bot-Konten im israelischen Wahlkampf
KI und Bot-Konten im israelischen Wahlkampf / Foto: DPA

Beobachter der israelischen Innenpolitik bezeichnen die Wahl am Dienstag als Israels erste „KI-Wahl“. Zahlreiche Wahlkampfinhalte werden vollständig mit künstlicher Intelligenz erstellt und von Bot-Konten in sozialen Netzwerken verbreitet. Bei anderen Beiträgen kommt KI für einzelne Bestandteile zum Einsatz.

Die Forscherin Anat Ben-David, die das Projekt „Ze Be AI“ an der Open University of Israel leitet, hat die Beiträge untersucht, die Politiker zwischen Ende Juli und Mitte Oktober im Rahmen ihrer Wahlkampagnen in sozialen Netzwerken veröffentlichten. Die Untersuchung liefert bemerkenswerte Zahlen: Von mehr als 44.000 ausgewerteten Beiträgen auf Facebook, Instagram, X und TikTok wiesen knapp 15 Prozent einen Bezug zu KI auf. Sie waren entweder vollständig oder teilweise mithilfe der Technologie erstellt worden.

Damit zeichnet sich ein hybrides Modell ab, das herkömmliche Inhalte mit KI-generierten Elementen verbindet. Dass sich der weltweit zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz auch im israelischen Wahlkampf widerspiegelt, überrascht kaum. Die Technologie verändert bereits zahlreiche Bereiche – von Bildung und Kultur bis zu Gesundheit und Wirtschaft. Ihr Einsatz in der Politik gehört zunehmend zum Alltag.

KI als Instrument der Manipulation

Problematisch wird es jedoch dort, wo künstliche Intelligenz zur Manipulation eingesetzt wird. Nach Einschätzung von Beobachtern des israelischen Wahlkampfs werden die Grenzen ihres vertretbaren Einsatzes zunehmend aufgeweicht.

Die Deutsche Welle hat sich in einem ausführlichen Bericht mit dem Einfluss künstlicher Intelligenz auf die israelischen Wähler beschäftigt. Dabei stützt sie sich auf Erkenntnisse des Forschungsprojekts „Ze Be AI“. Demnach liegt die Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beim Umfang der KI-Nutzung mit deutlichem Abstand vorn. Es folgen die linksgerichteten Demokraten und die Jaschar-Partei von Gadi Eisenkot. Beide Parteien setzen KI allerdings wesentlich seltener ein als der Likud.

In den von Netanjahus Team erstellten Videos spielt die Ansprache anti-arabischer Ressentiments eine zentrale Rolle. Die auf Abgrenzung und Ausgrenzung ausgerichtete Kampagne soll durch Polarisierung dazu beitragen, Netanjahu erneut an die Macht zu bringen. Ein Beispiel ist ein KI-generiertes Video, das den einflussreichen arabischen Politiker Mansur Abbas nutzt, um den um das Amt des Ministerpräsidenten konkurrierenden Eisenkot anzugreifen. Es ist einer von mehr als 1.800 Beiträgen mit KI-Inhalten, die der Likud verbreitet hat.

In dem 19 Sekunden langen Video, das über Netanjahus X-Konto veröffentlicht wurde, ist Eisenkot mit ausgebreiteten Armen und einem Lächeln zu sehen. In Zeitlupe läuft er über eine Wiese auf einen Menschen zu, der seinem Sohn ähnelt und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Israels Einheit“ trägt. Eisenkot umarmt ihn jedoch nicht, sondern läuft an ihm vorbei und schließt stattdessen den arabischen Politiker und Raam-Vorsitzenden Mansur Abbas in die Arme.

Besonders brisant ist die Darstellung, weil Eisenkots Sohn 2023 im Kampf gegen die Hamas getötet wurde. Das Video vermittelt den Eindruck, Eisenkot ziehe einen arabischen Politiker seinem eigenen Sohn vor. Damit soll offenbar über anti-arabische Ressentiments das Wahlverhalten beeinflusst werden.

Das Video wurde mehr als eine Million Mal angesehen. Angesichts der Zahl der Wahlberechtigten ist diese Reichweite erheblich: Rund 7,3 Millionen Menschen sind zur Stimmabgabe aufgerufen. Etwa 17 Prozent von ihnen sind Palästinenser mit israelischer Staatsangehörigkeit. Da das Kräfteverhältnis zwischen Regierungs- und Oppositionslager knapp ist, könnten ausgrenzende Wahlkampfbotschaften entscheidenden Einfluss entfalten.

Bot-Netzwerke zugunsten Netanjahus

Neben KI-generierten Inhalten gehört auch der Einsatz von Bot-Konten zu den umstrittenen Instrumenten des Wahlkampfs. Es gibt den verbreiteten Verdacht, dass ein erheblicher Teil der Manipulation zugunsten Netanjahus über solche Konten erfolgt.

Der Einsatz dieser Methode ist für Netanjahu längst zur Gewohnheit geworden. Was zunächst dazu diente, international Einfluss im Interesse Israels und des Zionismus auszuüben, wird inzwischen auch im Inland eingesetzt.

Netanjahus Regierung hat bereits auf unterschiedlichen Ebenen versucht, Einfluss auf soziale Netzwerke zu nehmen – vom X-Eigentümer Elon Musk über Meta-Chef Mark Zuckerberg bis zur Kontrolle des US-Geschäfts von TikTok. Dabei gerieten die Verantwortlichen der Plattformen auch unter dem Einfluss einer international agierenden zionistischen Lobby unter Druck.

Offenbar sieht Netanjahu diese Bemühungen als erfolgreich an und setzt vergleichbare Methoden nun im israelischen Wahlkampf gegen seine politischen Gegner ein. Kurz vor der Abstimmung werden entsprechende Hinweise intensiv diskutiert.

Entscheidend ist dabei, dass Grenzüberschreitungen einen Lernprozess in Gang setzen können: Wer solche Methoden zunächst mit dem Vorgehen gegen einen äußeren „Feind“ rechtfertigt, kann sie später auch gegen politische Konkurrenten im eigenen Land richten. Die Vorwürfe gegen Netanjahu und seine Partei sind vor diesem Hintergrund besonders relevant.

Bereits im September berichtete die „New York Times“ über den Zusammenhang zwischen Netanjahu, Manipulation in sozialen Netzwerken und Bot-Konten. Dem Bericht zufolge bauen zwei israelische Privatunternehmen mithilfe frei verfügbarer KI-Werkzeuge ganze Netzwerke gefälschter Konten auf, um soziale Plattformen zu manipulieren.

Die Bot-Netzwerke verbreiteten gleichzeitig Inhalte für und gegen Netanjahu und sollten damit die innenpolitische Debatte und den Wahlprozess beeinflussen. US-Geheimdienste hatten die Operation dem Bericht zufolge bereits Anfang 2026 erkannt. Einige der dem Unternehmen IntelEye zugeordneten Bots unterstützten Netanjahu, andere veröffentlichten gegen ihn gerichtete Beiträge. Die eingesetzten KI-Agenten sollen rund tausend Konten verwaltet, Inhalte veröffentlicht und anderen Nutzern direkt geantwortet haben.

Auffällige Konten und Verbindungen ins Ausland

Der Bericht der „New York Times“ enthielt bereits zahlreiche Erkenntnisse. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass Bot-Netzwerke ihre Aktivitäten zugunsten Netanjahus fortgesetzt haben. Darauf verweisen sowohl Beobachter der israelischen Innenpolitik als auch die Deutsche Welle.

Nach dem DW-Bericht werden täglich neue Bot-Konten angelegt, die Netanjahu unterstützen. Auch seine Followerzahl auf Instagram wird auf diese Weise erhöht.

Besonders auffällig sind die Verbindungen ins Ausland: Rund 70 Prozent der Konten, die Netanjahus Botschaften auf X weiterverbreiten, befinden sich demnach außerhalb Israels und weisen Merkmale von Bots auf. Sie veröffentlichen rund um die Uhr Beiträge, haben kein Profilbild und wurden erst vor Kurzem eingerichtet.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Einschätzung berechtigt, dass die israelische Wahl im Schatten von KI-Inhalten und Bot-Netzwerken stattfindet – und dass Netanjahu davon besonders profitiert.

Die Wahl zeigt, welchen Umfang KI-generierte Videos und andere künstlich erzeugte Inhalte inzwischen in politischen Kampagnen erreichen. Sie könnte damit zum Vorbild für künftige Wahlkämpfe werden. Dass solche Inhalte künftig noch häufiger eingesetzt werden und zugleich anfällig für Manipulation bleiben, dürfte kaum überraschen.

So wie politische Kommunikationskampagnen seit Langem darauf ausgerichtet sind, Wahlentscheidungen zu beeinflussen, gewinnt nun auch der Einsatz künstlicher Intelligenz an Bedeutung. Werden KI-Inhalte mit automatisiert gesteuerten Konten verbunden, kann ein Mechanismus entstehen, der die Wahrnehmung der Wirklichkeit massiv verzerrt. Im israelischen Wahlkampf macht Netanjahus Team davon offenbar intensiv Gebrauch.

Die damit verbundenen Risiken frühzeitig zu erkennen, könnte dazu beitragen, wirksame Antworten auf diese Entwicklung zu finden.