Am 7. und 8. Juli kommen die Staats- und Regierungschefs des wichtigsten Verteidigungsbündnisses der Welt in der türkischen Hauptstadt Ankara zusammen, um über die Zukunft der NATO und die euro-atlantische Sicherheitsarchitektur zu beraten.
Eine Partnerschaft im Wandel
Die deutsch-europäisch-türkischen Beziehungen haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Höhen und Tiefen durchlebt. Jahrelang prägte eine reservierte Haltung in Deutschland und Europa das Verhältnis zum türkischen Präsidenten. Erdoğans „One-Minute“-Rede in Davos, die Position der europäischen Partner nach nach dem gescheiterten Putschversuch des 15. Juli, die sogenannte „Armenier-Resolution“ im Bundestag sowie der Abzug deutscher Truppen aus dem Militärstützpunkt İncirlik oder euro-atlantische Rüstungsembargos: all dies markierte einen Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen Türkiye und dem Westen. Wer sich hinter Erdoğan stellte oder die Erfolge von Türkiye anerkannte, sah sich mitunter Ausgrenzung oder gar Denunziation ausgesetzt.
In einer Welt, die sich rasant verändert, reicht es nicht mehr, sich auf alte Muster zu verlassen. Die USA ziehen sich aus Europa zurück. Die NATO sucht nach neuen Gleichgewichten. Die Energieversorgung, vor allem in Europa, ist fragiler geworden. Deutschland steht vor der Frage nach verlässlichen Partnern in einer multipolaren Welt. In diesem Umfeld rückt Türkiye in den Fokus: Sie ist NATO-Mitglied mit der zweitgrößten Armee des Bündnisses und hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine bemerkenswerte strategische, wirtschaftliche und technologische Transformation durchlaufen. Ihre geografische Lage macht sie zudem zum natürlichen Energiedrehkreuz und Logistikzentrum.
Türkiye auf dem Weg zu einer Rüstungsmacht
NATO-Generalsekretär Mark Rutte brachte es nach seinem Besuch in Ankara Ende April auf den Punkt: „Wir können viel von dem lernen, was Türkiye hier macht“. Die Botschaft war eindeutig: Ohne Türkiye wird Europas Sicherheitsarchitektur auf Dauer nicht vollständig funktionieren. Die türkische Verteidigungsindustrie ist binnen zwei Jahrzehnten einen bemerkenswerten Weg gegangen: Die Exporte stiegen von 248 Millionen Dollar im Jahr 2002 auf zehn Milliarden Dollar im vergangenen Jahr. Laut Daten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI ist Türkiye von einem Rüstungsimporteur zum weltweit elftgrößten Waffenexporteur aufgestiegen. Die türkischen Waffenexporte stiegen allein im Zeitraum von 2021 bis 2025 im Vergleich zu den vorangegangenen fünf Jahren um 122(!) Prozent.
Was zudem im Mai auf der Rüstungsmesse SAHA Expo 2026 in Istanbul präsentiert wurde, ließ Militärexperten weltweit aufhorchen: die Interkontinentalrakete Yıldırımhan, das Hyperschall-Kampfflugzeug KAAN, die Drohnenflotte von Baykar, das amphibische Angriffsschiff TCG Anadolu. Die Liste der technologischen Durchbrüche ist beeindruckend. Die Bundesregierung prüft außerdem Berichten zufolge den Erwerb der türkischen Interkontinentalrakete Yıldırımhan – mit einer Reichweite von bis zu 6000 Kilometern – sowie der Hyperschallrakete Tayfun Block-4. Für europäische Verhältnisse ist das eine beachtenswerte Entwicklung. Noch vor wenigen Jahren undenkbar, ist dies ein Zeichen dafür, dass die strategische Vernunft sich langsam Bahn bricht. Türkiye ist nicht mehr nur Abnehmer von Technologie, sondern zunehmend Produzent und Partner. Das eröffnet neue Möglichkeiten: gemeinsame Rüstungsprojekte, Technologietransfer, engere militärische Kooperation innerhalb der NATO.
Türkiye als stabilisierender Sicherheitsfaktor für Europa
Die internationale Ordnung befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Dass die USA ihre militärische Präsenz in Europa schrittweise verringern, ein Prozess, der sich seit Jahren abzeichnet und nun an Dynamik gewinnt, erfüllt den Kontinent mit wachsender Besorgnis. Etwa 35.000 US-Soldaten sind derzeit in Deutschland stationiert, mehr als 5.000 von ihnen sollen in den kommenden Monaten abgezogen werden. Die NATO rechnet mit weiteren Abzügen. US-General Alexus Grynkewich, oberster NATO-Kommandeur in Europa, sprach von einem „fortlaufenden Prozess über mehrere Jahre hinweg“ und sagte zudem, dass die Verlegung von Mittelstreckenraketen nach Deutschland vom Tisch sei.
Erst kürzlich wurde bekannt, dass die USA ihre militärische Präsenz in Europa noch weiter reduzieren werden. Nach Informationen der „New York Times“ soll die Zahl der Kampfflugzeuge um ein Drittel verringert werden. Zudem seien der Abzug eines U-Bootes und eines Flugzeugträgers geplant.
Dadurch werde sich in Zukunft der Fokus der NATO weiter auf die südliche Nachbarschaft verstärken, heißt es in einer aktuellen Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung. Kaum ein Land ist in den derzeitigen Krisenherden so präsent wie die Türkiye. Sie vermittelt zwischen Russland und der Ukraine, hat u.a. das Getreideabkommen ermöglicht oder Gefangenenaustausche organisiert. Sie ist ein Anker der Stabilität, vom Kaukasus bis zum Mittelmeer. Selbst auf dem afrikanischen Kontinent werden die Friedensmissionen der Türken beachtet. Aber auch bei der Beendigung des Krieges zwischen USA-Israel und Iran zeichnete sich Türkiye als diskreter Vermittler im Hintergrund aus.
Die Entwicklungen im Nahen Osten betreffen Europa unmittelbar: Energiepreise, Migration, Sicherheitsrisiken. Wer Frieden in dieser Region fördern will, kommt an Ankara nicht mehr vorbei. Martin Erdmann, ehemaliger deutscher Botschafter in Ankara, konstatiert, dass sich der türkische Staatspräsident und sein Land „als NATO-Partner unverzichtbar gemacht“ haben und erklärt Erdoğan als einen der wenigen Gewinner der multiplen Krisen in der Welt. „Türkiye ist für Europa eine Brandmauer gegen die Zumutungen einer instabilen Region“, so der Diplomat im Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Die Türken erweisen sich als strategische Balancekünstler: Sie verweigern als einziges westliches Land die Sanktionen gegen Russland und halten die Gesprächskanäle dorthin offen, liefern aber gleichzeitig Waffen an die Ukraine. Türkiye ist NATO-Mitglied, EU-Beitrittskandidat und zugleich Partner in der von China geführten Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). Die diplomatischen Erfolge von Türkiye bleiben nicht unbemerkt. Zahlreiche Staats- und Regierungschefs dankten Präsident Erdoğan für seine Vermittlung bei den Waffenruhen in Gaza und im Iran-Krieg. Parallel baut Ankara seinen Einfluss in Afrika und Zentralasien weiter auf. Ex-Botschafter Erdmann zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: Wenn die NATO als geopolitischer Akteur relevant bleiben wolle, führe an Türkiye kein Weg vorbei.
Neue Chancen auch in der Energiepartnerschaft
Die Bedeutung von Türkiye beschränkt sich allerdings nicht nur auf die gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Etliche Pipelines versorgen Europa mit Gas aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt über Türkiye und reduzieren die Abhängigkeit von Russland. Die geografische Lage zwischen Schwarzem Meer, Mittelmeer und Nahem Osten macht das Land zum natürlichen Drehkreuz für Energie, Handel und Sicherheit. Ein aktuelles Beispiel für diese Schlüsselrolle ist ein Vorschlag Ankaras an die NATO: Türkiye bietet dem Bündnis den Bau einer Militär-Treibstoffleitung von ihrem Territorium über Bulgarien nach Rumänien an. Das Besondere daran ist, dass die türkische Route damit etwa fünfmal günstiger als alternative Wege wäre.
Erst vor wenigen Tagen reiste Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mit einer 30-köpfigen Delegation nach Ankara, ihre erste offizielle Reise in die türkische Hauptstadt. Ihre Botschaft: „Türkiye ist nicht nur ein verlässlicher Partner. Sie ist im Bereich der Energie klar auf Wachstum orientiert”. Außerdem gewinnt die Republik Türkiye für Deutschland nicht nur für die Diversifizierung der Gas- und Stromversorgung, sondern auch für eine moderne Handels- und Industriepolitik an Bedeutung. Reiche betonte bei ihrem Besuch, dass Türkiye nicht nur ein wichtiger NATO-Verbündeter sei, sondern auch ein zentraler Partner für die Gas- und Energieversorgung Europas. Das Land am Bosporus plant, bis 2035 rund 80 Milliarden Euro in erneuerbare Energien und 28 Milliarden Euro in Energieinfrastruktur zu investieren.
Abschied von Amerika – Aufbruch mit Ankara?
Die Entwicklung hin zu einer „europäischen NATO“ ist nicht mehr aufzuhalten. Die USA reduzieren ihre Präsenz und hinterlassen eine Lücke, die Europa nur mit Mühe füllen kann. Doch die offene Flanke, die Washington hinterlässt, ist enorm. Eine europäisch dominierte NATO ist kein Selbstläufer. Sie braucht technologische Souveränität, politischen Willen und vor allem verlässliche Verbündete. Türkiye hat das Potenzial, einer dieser Partner zu sein. Nicht nur wegen ihrer Armee, sondern auch wegen ihrer geopolitischen Lage und ihrer wachsenden Rüstungsindustrie.
Die Weltlage hat sich seit dem letzten NATO-Gipfel in Türkiye vor 22 Jahren grundlegend gewandelt. Die strategische Bedeutung Ankaras für die europäische Sicherheit ist heute größer denn je. Vor allem wird es beim Gipfel darum gehen, Türkiye beim Beistand für die Ukraine gegen Russland enger einzubinden. Die Voraussetzungen für eine engere Zusammenarbeit sind jedoch nicht allein in Ankara zu schaffen. Europa muss seine alten Vorbehalte ablegen und den türkischen Partner als das anerkennen, was er ist: ein unverzichtbarer Pfeiler der euro-atlantischen Sicherheit.
Die deutsch-türkischen sowie europäisch-türkischen Beziehungen sind reif für einen Neuanfang: auf Augenhöhe, mit gegenseitigem Interesse und dem Bewusstsein, dass alle Seiten gleichermaßen voneinander profitieren können. Europa braucht Türkiye, und Türkiye braucht Europa. Gelingt die engere Einbindung, könnte dies nicht nur die NATO stärken, sondern auch die Beziehungen auf eine neue Grundlage stellen. Der NATO-Gipfel in Ankara könnte der Beginn einer neuen Ära sein, oder die nächste verpasste Gelegenheit. Es wäre ein Fehler, diese Chance ungenutzt verstreichen zu lassen.























