WELT
2 Min. Lesezeit
Biontech will drei deutsche Standorte schließen und massiv Stellen abbauen
In der Corona-Pandemie erzielte Biontech Milliarden mit Impfstoffen. Nun investiert das Unternehmen in Krebsforschung – mit Folgen für die Standorte Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen.
Biontech will drei deutsche Standorte schließen und massiv Stellen abbauen
ARCHIV: Das Logo von BioNTech / Foto: Reuters / Reuters

Das Biotechnologieunternehmen Biontech will drei seiner Standorte in Deutschland schließen, darunter den des erst kürzlich übernommenen Konkurrenten Curevac. „Biontech plant, die Produktionsstandorte in Idar-Oberstein, Marburg und Singapur sowie an den Standorten von Curevac zu schließen“, erklärte das Mainzer Pharmaunternehmen am Dienstag. Davon betroffen sein könnten demnach „bis zu rund 1860 Stellen“ – rund ein Viertel der Belegschaft. Die Industriegewerkschaft IGBCE kritisierte einen „skrupellosen“ Kahlschlag.

Die Biontech-Standorte in Idar-Oberstein und Marburg sowie die ehemaligen Curevac-Standorte in Tübingen sollen demnach bis Ende 2027 „teilweise oder vollständig“ verkauft werden, wie das Unternehmen ausführte. Biontech hatte die Tübinger Firma erst im vergangenen Jahr für rund eine Milliarde Euro übernommen. Der Betrieb in Singapur soll den Angaben nach im ersten Quartal 2027 eingestellt werden.

Im ersten Quartal fuhr Biontech einen weiteren Millionenverlust ein, wie das Unternehmen weiter mitteilte. Zuletzt waren die Umsätze mit Corona-Impfstoffen deutlich zurückgegangen, während die Forschungs- und Entwicklungskosten weiter anstiegen. Im ersten Quartal blieb bei einem Umsatz von etwa 118 Millionen Euro ein Nettoverlust von rund 532 Millionen Euro.

Die Standortschließungen sollen nun jährlich Einsparungen in Höhe von rund 500 Millionen Euro bringen. Das Geld will das Unternehmen nutzen, um die Entwicklung von Krebsmedikamenten und deren Kommerzialisierung voranzutreiben. „Wir werden uns weiterhin auf die beschleunigte Entwicklung unserer wichtigsten strategischen Programme konzentrieren, während wir an unserer Vision festhalten, die Gesundheit von Patientinnen und Patienten mit Krebs auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verbessern“, erklärte Biontech-Chef und Ko-Gründer Ugur Sahin.

Biontech hatte den ersten zugelassenen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt und war in der Folge zu einem der wertvollsten Unternehmen in Deutschland aufgestiegen. Auch Curevac hatte an der Entwicklung von Impfstoffen auf Basis der mRNA-Technologie gearbeitet, schaffte es trotz staatlicher Förderung aber nicht, einen Impfstoff zur Zulassung zu bringen. Zusammen mit Curevac hat sich Biontech der Erforschung neuer Medikamente gegen Krebs, ebenfalls auf mRNA-Basis, verschrieben.

Sahin und seine Frau und Biontech-Mitgründerin Özlem Türeci hatten im März angekündigt, sich aus dem Unternehmen zurückziehen und ein neues Unternehmen gründen zu wollen. Die neue Firma soll sich Innovationen im Bereich mRNA widmen. Sie soll weiterhin Verbindungen zu Biontech haben, welches sich auf die Entwicklung und Vermarktung seiner Medikamente, insbesondere im Bereich der Onkologie, konzentrieren soll.

„Im Konzern haben offenbar endgültig die Rechenschieber das Regiment übernommen“, kommentierte Roland Strasser von der IGBCE die Entwicklung. „Aus kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland.“

QUELLE:AFP