Bundeskanzler Friedrich Merz will Deutschland bis 2039 zur führenden Militärmacht des Kontinents machen. Das ist ein historischer Bruch und die faktische Umsetzung der Zeitenwende, die anfangs kaum mehr als ein Wort und eine Zahl war. Doch die Gesellschaft, die diesen Weg gehen soll, ist darauf nicht vorbereitet – politisch, wirtschaftlich und in ihrem Selbstverständnis.
In letzter Zeit gibt es fast täglich ambitionierte Zahlen von der Bundesregierung, aber diese lässt aufhorchen: Bis 2039 soll die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas ausgebaut werden. Was vor 2022 undenkbar schien, ist heute erklärtes politisches Ziel.
Die Zeitenwende, die der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ausrief, hat in der politischen Klasse eine bemerkenswerte Dynamik ausgelöst. Doch zwischen Berliner Ankündigungen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Land klafft eine große Lücke. Und dabei sind die Folgen für die Partner und die Einigung Europas noch gar nicht berücksichtigt.
Ein Selbstbild, das sich nicht leicht aufgeben lässt
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist Pazifismus kein politisches Programm in Deutschland, sondern Selbstbild und die offizielle Erzählung dessen, wer wir nach dem Nationalsozialismus sein wollen.
Niemals wieder Krieg. Niemals wieder von deutschem Boden. Diese Sätze sind ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Sie haben Deutschland geholfen, Vertrauen zurückzugewinnen, Bündnisse zu schmieden und ein neues Selbstverständnis als Zivilmacht aufzubauen. Sie waren aber auch eine bequeme Position, solange man Schecks schicken konnte, während andere Staaten sich an militärischen Operationen mit UN-Mandat beteiligten.
Was lange Zeit als Stärke galt – die demonstrative Zurückhaltung, das Primat des Dialogs, die Skepsis gegenüber militärischen Mitteln, der Glaube an das Völkerrecht und seine Einhaltung –, soll nun innerhalb von anderthalb Jahrzehnten grundlegend umgekehrt werden. Das ist keine Anpassung. Das ist ein Bruch, weil die Welt, in der sich Deutschland eine pazifistische Haltung erlauben konnte, so nicht mehr existiert.
Hinzu kommt die besondere Prägung durch die deutsche Teilung. In der Bundesrepublik und der DDR entstanden zwei grundverschiedene Erinnerungskulturen an Krieg, Militär und nationale Stärke. Was die Westdeutschen mit der NATO-Integration verarbeiteten, wurde im Osten durch antiimperialistischen Antifaschismus überformt.
Diese Unterschiede wirken nach – in Umfragen zur Wehrbereitschaft, in regionalen Wahlergebnissen, in der tiefen Skepsis vieler Ostdeutscher gegenüber einer Politik, die nach wie vor als Sache des Westens gilt. Und oft auch in der Haltung zu Russland und Putin.
Es fehlt nicht an Ankündigungen. Es fehlt an einem ehrlichen gesellschaftlichen Diskurs darüber, was die Zeitenwende faktisch bedeutet.
Die sicherheitspolitische Erschütterung, die Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus als US-Präsident mit sich bringt, ist in ihrer ganzen Tragweite im deutschen öffentlichen Bewusstsein noch nicht angekommen. Dass ein amerikanischer Präsident die NATO-Beistandspflicht und im Grunde auch die ganze Idee kollektiver Sicherheit infrage stellt, europäische Rüstungsanstrengungen als Druckmittel in Handelskonflikten nutzt, Anspruch auf Territorium von Partnern erhebt und die transatlantische Allianz als Kostenfrage behandelt, verändert die strategische Lage fundamental.
Europa kann sich nicht länger auf die US-amerikanische Sicherheitsgarantie verlassen wie bisher. Das ist kein Alarmismus – das ist die neue politische Realität. Und es ist auch kein vorübergehendes Unwohlsein, das wieder verschwindet, wenn ein anderer Präsident ins Weiße Haus einzieht. Fremdschämen und Warten wie in Trumps erster Amtszeit sind keine Lösung.
Die Konsequenzen dieser Realität werden in der deutschen Gesellschaft allerdings noch kaum diskutiert. Talkshows thematisieren Einzelaspekte, Schulkinder demonstrieren gegen die Wehrdienstreform, aber es fehlt der Blick aufs Ganze: Was bedeutet es, wenn die NATO als kollektive Versicherung nicht mehr verlässlich funktioniert? Was folgt daraus für die Wehrpflicht, für Rüstungsinvestitionen, für die europäische Verteidigungsintegration und damit für die EU?
Die politische Klasse hat erste Antworten formuliert. Die Bevölkerung ist in dieser Debatte noch kaum mitgenommen worden, vielleicht weil „ein Teil meiner Antwort Sie verunsichern würde“, wie es einmal von einem Bundesinnenminister hieß. Andere Gesellschaften sind da weiter. Finnlands „totale Verteidigung“ ist dabei das umfassendste Konzept, in dem sogar Menschen anderer Nationalität, die sich im Land aufhalten, praktisch eingebunden werden. Dort wird die Antwort auf die JFK-Frage praktiziert, was jeder für sein Land tun kann – und nicht nur, was er vom Staat erwartet.
Führung ohne Zutrauen, Aufrüstung ohne Erzählung
Wenn Deutschland die stärkste konventionelle Armee Europas aufbauen will, stellt sich unweigerlich die Frage: Wozu? Aufgrund welcher Bedrohungslage? Mit wem und wogegen? Die Antwort kann nicht allein militärisch sein. Sie muss gesamtgesellschaftlich sein, eingebettet in eine Vision europäischer und globaler Sicherheit, die Deutschland aktiv mitgestaltet. Genau hier liegt das eigentliche Defizit.
Es fehlt an deutschen Impulsen für die europäische Integration, an einem erkennbaren Konzept, wie Deutschland Führung und Verantwortung übernehmen will, ohne alte Ängste vor einer deutschen Hegemonie zu wecken. Für Frankreich, Polen, die baltischen Staaten, für die kleineren EU-Mitglieder ist nicht klar, was Deutschland mit seiner wachsenden militärischen Kapazität eigentlich vorhat. Die „deutsche Frage“ ist nicht verschwunden. Aufrüstung ohne politische Rahmung ist kein Signal der Sicherheit – sie ist ein Signal der Verunsicherung.
Und dann ist da immer die Frage des Geldes – und der Menschen. Hunderte Milliarden für die Bundeswehr, und nicht einmalig, sondern über einen langen Zeitraum: Das ist Geld, das anderswo nicht ausgegeben werden kann, selbst nach einer Reform der Schuldenbremse. Beim Klima, in der Bildung, im Gesundheitswesen, in der Infrastruktur, in der sozialen Absicherung. Eine Gesellschaft, die gleichzeitig altert, einen eklatanten Fachkräftemangel beklagt und ihren Sozialstaat unter Druck sieht, kann militärische Aufrüstung nicht einfach „on top“ finanzieren, ohne Prioritäten zu setzen. Diese Abwägung wird kaum offen diskutiert. Stattdessen werden Sonderfonds als technische Lösung präsentiert, als könnte man die gesellschaftliche Debatte buchhalterisch umgehen.
Hinzu kommt: Wer soll diese Armee stellen? Deutschland hat eine alternde Bevölkerung, ein Militär mit Nachwuchsproblemen und eine Generation junger Menschen, die mit Bundeswehrwerbung aufgewachsen ist, aber kaum mit dem Gedanken, selbst zu dienen, geschweige denn in einem militärischen Konflikt. Eine Berufsarmee der Größenordnung, die das Ziel erfordert, ist ohne strukturelle gesellschaftliche Diskussion über Wehrdienst, Dienstpflicht oder Anreize schlicht nicht zu erreichen, insbesondere wenn 20 Prozent der Menschen nicht in Deutschland geboren sind und anders sozialisiert wurden.
Was jetzt gebraucht wird
Das alles bedeutet nicht, dass die politische Richtung falsch ist. Die sicherheitspolitische Lage in Europa ist ernst. Russlands Aggression ist keine Episode, sondern zielt auf eine Veränderung der europäischen Sicherheitsarchitektur. Hybride Angriffe geschehen jeden Tag. Und ja: Europa muss seine Verteidigung stärken, Deutschland muss daran einen größeren Anteil tragen. Aber der Weg dorthin verlangt mehr als Beschlüsse und Budgetlinien. Er verlangt eine gesellschaftliche Debatte, die diesen Namen verdient – offen, ehrlich und ohne falsche Beruhigungsformeln.
Es gibt Beispiele dafür, dass die politische Führung die Menschen im Land ernst genommen und bei Entscheidungen mitgenommen hat, sodass Krisen gemeinschaftlich bewältigt wurden: bei den Folgen der deutschen Einheit, in der Pandemie oder im ersten Winter nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, als Energie gespart werden musste.
Deutschland muss entscheiden, was es werden will: eine Zivilmacht mit Verteidigungsfähigkeit oder eine militärische Führungsmacht mit zivilem Anstrich – aber auch mehr Verantwortung in Europa, mit allen Konsequenzen für die Zukunft der europäischen Integration. Beides ist denkbar. Aber beides erfordert Klarheit – gegenüber den Bündnispartnern, besonders gegenüber früheren Opfern deutschen Militarismus, gegenüber der eigenen Gesellschaft und gegenüber der Geschichte, von der Deutschland sich nie ganz lösen kann. Die stärkste Armee Europas zu bauen, ohne diese Klarheit zu haben: Das wäre der eigentliche strategische Fehler.




















