Rund ein Drittel der Deutschen leider unter Schlafproblemen, so aktuelle Zahlen des Robert-Koch-Instituts.* Die Reise- und speziell die Hotelbranche reagiert darauf mit immer neuen Angeboten zu Schlafqualität und schlaffördernden Konzepten, von schallisolierten, WIFI-freien und komplett abgedunkelten Zimmern bis hin zu begleiteten Schlafprogrammen und Schlafcoaching. Was davon ist wirklich hilfreich – und inwiefern ist der „Sleep Tourism“ ein echter Trend?
Um herauszufinden, was hinter dem neuen Geschäftsfeld steht, das Schlaf, Erholung und Reizreduktion in den Fokus rückt, hat TRT Deutsch mit dem Psychologen Lutz Hertel gesprochen. Hertel ist geschäftsführender Vorsitzender des Deutschen Wellness Verbands, den er 1990 gegründet hat.
TRT: Herr Hertel, seit wann und wieso beschäftigt Sie das Thema gesunder Schlaf?
Hertel: Als Psychologe, der viel in der Beratung von Wirtschaftsunternehmen tätig war, habe ich viele Menschen in Unternehmen und in der öffentlichen Verwaltung kennengelernt und dabei festgestellt, dass unser Gesundheitssystem ein Grundproblem hat: Es ist auf Krankheit und nicht auf Gesundheit ausgerichtet. Inzwischen berate ich seit über 30 Jahren Menschen darin, gesünder zu leben und zu arbeiten. Dazu gehört auch das gesunde Schlafen. Im Rahmen meines Engagements für den Wellnesstourismus versuche ich darüber hinaus seit über zehn Jahren Hoteliers für dieses Thema zu gewinnen.
TRT: Was machen die Hoteliers aus Ihrer Sicht falsch?
Durch meine beruflichen Reisen habe ich in Hotels immer wieder schlechte Schlaferfahrungen gemacht. Natürlich gibt es den sogenannten Erste-Nacht-Effekt: Man schläft das erste Mal in fremder Umgebung in einem fremden Bett meistens schlechter. Trotzdem hat es mich immer gewundert, warum sich viele Hotels nur wenig mit der Schlafqualität befassen. Dabei müsste der erholsame Schlaf doch eigentlich die höchste Priorität haben, weil die Übernachtung das Kerngeschäft der Hotellerie ist.
TRT: Inzwischen gibt es aber doch viele neue Ansätze im Schlaftourismus?
Nach meiner Beobachtung wird die Schlafqualität von der deutschen Wellnessbranche immer noch missverstanden oder nicht richtig ernst genommen. Denn es geht bei „Wellness“ aus meiner Sicht nicht darum, gelegentlich schöne Hotels oder ein Spa mit Pool zu besuchen, um sich mit Massagen und Kosmetik verwöhnen zu lassen. Vielmehr geht es um eine alltäglich gesunde Lebensweise und um äußere Lebensbedingungen, die diese ermöglichen.
Ursprünglich stammt das Wellnesskonzept aus den USA und ist dort maßgeblich über Corporate-Wellnessprogramme groß geworden. Daher existiert dort ein ganz anderes Verständnis von Wellness, bei dem es vor allem darum geht, fit zu sein und gesund zu leben – auch Schlafen ist da ein zentrales Thema.
TRT: Wie bringt sich der Deutsche Wellness Verband hier konkret ein?
Als Non-Profit-Organisation haben wir seit den frühen 90er Jahren die Kategorie des Wellnesshotels konzipiert, erstmals weltweit. Keimzelle dafür war eine Arbeitsgruppe aus Hoteliers und Gesundheitsexperten, aus der heraus zunächst die erste deutsche Wellness-Hotelgruppe entstand. Diese Initiative wurde der Ausgangspunkt für den internationalen Wellnesstourismus. 2002 hat der Verband das Deutsche Wellness-Zertifikat als internationalen Wegweiser für Qualität eingeführt. Leider erinnert sich heute kaum noch einer daran. Für viele der heute angebotenen Services im Wellnessbereich gibt es bislang keine vertrauenswürdige Nutzenbewertung.
TRT: Warum wird Schlaf heute verstärkt zum Reiseanlass?
Hertel: Wenn ich auf die Entwicklungen auf dem deutschsprachigen Reisemarkt blicke, denke ich, dass es ein gemachter Trend ist, der eher mit der Arbeit der Marktforschungsinstitute zu tun hat. Über Zahlen und Umfragen werden regelmäßig neue „Trends“ entdeckt, aus denen sich dann Profit schlagen lässt.
TRT: Also gibt es aus Ihrer Sicht gar keinen steigenden Bedarf für Schlaftourismus?
Hertel: Die Entwicklung kommt nach meiner Einschätzung jedenfalls nicht aus der Bevölkerung. Ich halte den „Sleep Tourism“ für ein gehyptes Marketingthema, das von Angebotsseite konstruiert worden ist. Hotelgesellschaften beauftragen Studien, die den Beleg dafür liefern, sich den eigenen Markt zu erschaffen. Solche Umfragen zeigen dann, dass Menschen gestresst sind oder Schlafprobleme haben.
Das heißt jedoch nicht, dass es sich um einen nachhaltig gewachsenen Markt handelt und alle Menschen einen Bedarf an Schlaftourismus hätten. Vielmehr wird durch gezielt formulierte Fragen ein „Bedürfnis“ konstruiert – um zu belegen, dass 40 Prozent der Wellnessreisenden ihre Schlafqualität verbessern wollen. Selbstverständlich wird sich niemand dagegen wehren, wenn man ihm ein Hotelzimmer vermietet, in dem man gut schläft.
TRT: Wieso sollte man die Statistiken der Branche kritisch lesen?
Ein Marktanalyse-Report** aus dem Jahr 2025 zeigt beispielsweise, dass mit Schlaftourismus ein globales Umsatzvolumen von 93 Mrd. Dollar erwirtschaftet wird, bei einem 12-prozentigen Jahreswachstum bis zum Jahr 2030. Zahlen von HTF Market Intelligence*** aus dem Jahr 2024 prognostizieren sogar einen Umsatz bis zu 690 Mrd. Dollar. Da muss man sich doch schon fragen: Wie glaubhaft ist das eigentlich? Angesichts der Tatsache, dass die meisten Menschen ein Bedürfnis danach haben, besser zu schlafen, kann man natürlich sagen: Es ist legitim, daraus einen Schlaftourismus zu konstruieren.
TRT: Was kann die Tourismus- und Wellnessbranche nun tatsächlich tun, um gesunden Schlaf zu fördern?
Hertel: Alles beginnt bei der Architektur. Dazu gehört die Lage des Zimmers im Gebäude, der Grundriss, aber auch Fenster, Lichtführung und Akustik. Der wichtigste Aspekt ist natürlich die Ruhe, die durch konsequenten Lärmschutz erreicht wird. Geräuschquellen sollten unterhalb von 30 Dezibel bleiben, so die wissenschaftliche Perspektive. Zimmer mit Straßenlage benötigen daher schalldichte Fenster und Türen – denn nicht jedes Hotel liegt im Allgäu oder in abgeschiedener Natur. Zu den häufigsten Beschwerden von Gästen zählen Straßenlärm, Lüftungsgeräusche sowie fehlende Schalltrennung zwischen den Hotelzimmern.
TRT: Und sonst?
Hertel: Der zweitwichtigste Faktor ist für mich das Licht. In der konkreten Umsetzung heißt das: lückenlose Black-Out-Vorhänge oder Rollos, sofern diese richtig abdunkeln. Das unterschätzen viele. Bereits die Helligkeit durch einen kleinen Lichtspalt von fünf Lux unterdrückt die Melantonin-Produktion. Zudem sollte die Beleuchtung warmtonig, nicht blautonig sein. Einige Hotels gehen so weit, dass sie das WLAN ausschalten. Das greift jedoch in die Selbstbestimmung des Gastes ein. Um gut zu schlafen, halte ich es für sinnvoller, dass die Gäste selbst ihre digitalen Begleiter ausschalten oder in den Flugmodus setzen.
Für das Raumklima ist eine kühle Temperatur von 18 bis 22 Grad ideal, auch im Winter. Denn die Körperkerntemperatur muss um ein bis zwei Grad sinken, um gut in den Schlaf fallen zu können. Kann der Gast die Raumtemperatur selbst steuern, ist das noch besser.
TRT: Welche Rolle spielen Bett und Kissen?
Hertel: Eine Zeit lang hieß es in der Branche, man würde in Zirbenholz-Betten besonders gut schlafen. Doch dahinter steckte eine einzige methodisch schwache Studie mit fragwürdigen Ergebnissen, beauftragt durch den Tiroler Waldbesitzerverband. Es zeigte sich auch keine Wirkung bezügliches eines besseren oder längeren Schlafs. Persönlich interessant finde ich neue technische Möglichkeiten, bei denen sich die Matratze sensorgestützt an den Körper anpasst, je nachdem, ob man auf dem Rücken oder auf der Seite schläft. Doch auch zu solchen „Smart Beds“ gibt es bisher keine hinreichenden Daten.
Kissenhöhe und Festigkeit sollten so beschaffen sein, dass die Halswirbelsäule beim Schlafen auf dem Rücken oder auf der Seite in einer neutralen Ausrichtung gehalten wird. Für Bauchschläfer gibt es auch besondere Kissen. Ein Kissen-Menü ist daher keine schlechte Idee, aber auch nichts Neues. Gewichtsdecken halte ich dagegen für wenig zielführend, denn eine gute Bettdecke sollte atmungsaktiv bleiben. Baumwolle und Leinen sind dafür optimal, da durch sie Wärme abgegeben und nicht gespeichert wird. Eine jahreszeitliche Anpassung durch regulierbare Füllstärke macht Sinn.
TRT: Welche Maßnahmen bringen aus Ihrer Sicht wenig?
Hertel: Der Trend, Betten schräg zu stellen, ist schräg. (lacht) Die Höherlagerung des Kopfes macht wohl Sinn für Menschen, die nächtlichen Reflux oder Schlafapnoe haben. Für alle anderen gibt es überhaupt keine vertrauenswürdige Beweislage dafür, dass dies den Schlaf verbessern könnte. Gleiches gilt für die Aromatisierung der Räume durch Diffusoren.
TRT: Wem darf man heute glauben, wenn es um gesunden Schlaf im Tourismusmarkt geht?
Hertel: Am ehesten der seriösen Schlafforschung, Schlafmedizinern und unabhängigen Experten, im Idealfall mit wissenschaftlichem Hintergrund. Diese vermitteln ihr Wissen jenseits von Marketing oder gewerblichen Absichten. Ohne Frage: Schlafgesundheit ist real und relevant. Doch die öffentliche Kommunikation darüber ist kausal und wissenschaftlich oft schwach bis gar nicht belegt. Der Gefahr der kommerziellen Instrumentalisierung muss man sich bewusst sein und dafür sensibilisieren.
TRT: Vielen Dank für Ihre Einschätzung, Herr Hertel.























